Ann Petry – The Street.

Der Zürcher Verlag „Nagel & Kimche“ hat den bereits 1946 erschienenen Roman „The Street“ wiederentdeckt und aufgelegt. Der Sensationserfolg von Ann Petry hat von seiner politischen Brisanz nichts verloren und zählt aktuell wohl zu einem der wichtigsten Romane. Er erzählt die packende Geschichte einer jungen und alleinerziehenden schwarzen Frau im Harlem der 40er Jahre…

Nimmt man das Buch zur Hand und beginnt zu lesen, mag man es gar nicht mehr beiseite legen. Zu sehr nimmt die Geschichte gefangen, immer mit einem leicht beunruhigendem Grundgefühl und der Befürchtung, dass es wohl kein happy ending geben wird. Mehr soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden. Aber schnell versteht man, warum der Roman bei seinem Erscheinen 1.5 Millionen mal verkauft wurde. Das Schicksal von Lutie Johnson lässt einen nicht mehr los, die Strasse, das ganze Viertel ebensowenig. Der permanente und aussichtslos erscheinende Kampf ums Überleben und immer die selben nagenden Fragen, die das Leben zumeist ohne Hoffnung erscheinen lassen. Ein wirklich starkes Stück Literatur.

Als alleinerziehende Mutter kämpft Lutie Johnson unerschütterlich für ihre eigene Würde und darum, ihren kleinen Sohn Bubb inmitten all der Armut, Gewalt und rassistischen Verachtung, die sie umgibt, zu einem anständigen Menschen heranzuziehen. Schauplatz ist die 116th Street auf der Upper Westside in Manhattan. Keiner entrinnt dieser verkommenen Welt, in der Menschen zwangsläufig roh und stumpf sind und zu kriminellen Verzweiflungstaten hingerissen werden. Lutie ist entschlossen, den Absprung in ein besseres Leben zu schaffen, doch die Niedertracht der Straße und die Bosheit eines menschenverachtenden Systems stellen sich ihr mit aller Macht in den Weg. (Verlag Nagel & Kimche)

Der Roman hat unglaublich viele sehr bewegende Momente, etwa wenn Lutie sich einer Menschenmenge nähert, die sich um die Leiche eines von einem Weissen ermordeten abgemagerten Schwarzen schart und sie sich am nächsten Tag über die Zeitungsmeldung wundert, wie für den Reporter „aus dem abgerissenen Hungerhaken ein «kräftiger Neger» hatte werden können. Sie folgerte, dass das, was man sah, immer eine Frage des Standpunktes war. Wer das Ganze aus der Warte eines satten Wochenlohns betrachtete und Farbige für von Natur aus kriminell hielt, der sah den einzelnen Schwarzen ja gar nicht…“ (Seite 172). Tragischerweise  hat dieser Stoff bis heute nichts von seiner erschütternden Wirkung verloren, im Gegenteil, gerade heutzutage durch die Vorkommnisse in den USA und die mittlerweile sehr erstarkte #blacklivesmatter – Bewegung ist dies ein wichtiger Roman unserer Zeit und gehört wohl zu den Klassikern neben den Schriften einer Toni Morrison, eines Colson Whitehead („Underground Railroad“) oder eines James Baldwin. Stilistisch ist Ann Petry eine grosse Erzählerin mit äusserst plastischen Figuren und eben einem Plot, der den Leser einnimmt und nicht mehr los lässt. Auf dem Cover der Neuerscheinung findet sich ein gelber Button mit dem Vermerk: „Entdeckung einer Legende“. Ja! So ist das! Grosse Lese-Empfehlung…

„The Street“ von Ann Petry, 2020, Verlag Nagel & Kimche Zürich, ISBN 978-3-312-01160-5 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Nagel & Kimche sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Daniel Cole – Wolves

Michael Theurillat – Lenz

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Benjamin Quaderer – Für immer die Alpen

Anne Enright – Die Schauspielerin 

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