Domenico Dara – Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall.

Liest man den Klappentext und betrachtet das Cover, so könnte man fast eine wunderbare Geschichte à la Fellini vermuten und mit dieser Erwartung steigt man in die ersten kurzen Kapitel auch ein, doch der Schmonzetten-Hammer schlägt sehr schnell zu…

Ehrlicherweise muss man sagen, dass es von skurrilen Personen nur so wimmelt und die Beschreibungen des Ortes sind entzückend und liebenswert, aber sehr schnell nimmt dann doch der Kitsch überhand und das Schmalz trieft nur so aus den Seiten bzw. den Buchsen des E-Readers. Dabei hat der Plot viel Potential für grosses Lesevergnügen.

Süditalien in den Sechzigerjahren. Im verschlafenen Girifalco übt sich der Postbote des Ortes als guter Geist. Denn ohne, dass die anderen Dorfbewohner es ahnen, greift er heimlich in ihren Briefverkehr ein und versucht so, den Dingen die richtige Richtung zu geben. Der Postbote von Girifalco führt ein zurückgezogenes Leben, liebt die Philosophie und hat ein ungewöhnliches Hobby: Er liest die durch seine Hände gehenden Briefe der Dorfbewohner mit, und wenn es sein muss, schaltet er sich sogar als heimlicher Korrespondent ein. Und ab und zu muss es sein: Liebende geraten auf Abwege, Mütter vermissen ihre in fremden Ländern das Glück suchenden Söhne, Dorfpolitiker und andere lokale Würdenträger mauscheln, was das Zeug hält. Mit anderen Worten: Im beschaulichen Girifalco geht alles seinen gewohnten Gang – bis dem Postboten ein Brief in die Hände fällt, der Erinnerungen weckt: an ein Jahre zurückliegendes Verbrechen und zwei tragische Liebesgeschichten, eine davon seine eigene. (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Bei Kapitel 6 „Von den Kieselsteinen des kleinen Däumlings, vom Buch der Zufälle, vom zweiten Brief an Maria Teresa und von Wegen, die man vielleicht kein zweites Mal beschreiten sollte“ war es dann auch schon vorbei und ich habe diesen unerträglichen Roman beendet. Der Protagonist ist ein liebenswerter Mensch, die Kapitelbezeichnungen sind toll und lassen wirklich an Federico Fellinis grosse Meisterwerke denken, aber der Kitsch ist einfach unerträglich, vor allem in heutigen Zeiten, die für Italien alles andere als einfach sind. Der Roman war wohl für den Italo-Calvino-Preis nominiert, was absolut unverständlich ist, denn im Grunde bewegt er sich zwischen Heinz G. Konsalik, Rosamunde Pilcher und dem Italo-Kitsch der 60er Jahre – fehlt nur Caterina Valente und Vico Torriani (wobei das schon wieder toll wäre). Darauf sollte man keine Zeit verschwenden und sich anderer Lektüre widmen.

„Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall“ von Domenico Dara, 2021, Kiwi-Verlag, ISBN: 978-3-462-00146-4 (Werbung)

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