Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau etc.

Dieser Roman ist in aller Munde, von allen Medien überragend besprochen und tatsächlich auch ein grossartiges Lese-Erlebnis. Man will ihn nicht mehr aus der Hand legen – wunderbar, von der ersten bis zur letzten Seite!

Das Schöne an diesem Roman ist die absolute Glaubwürdigkeit der Figuren, der Schauplätze, der Konstellationen – die anfänglichen Szenen aus Ammas Leben in der freien Theaterszene sind einfach hinreissend authentisch und absolut treffend beschrieben – ebenso die Premierenfeier am Ende, wenn sich der grosse Kreis wieder schliesst. Dazwischen die Lebensgeschichten unterschiedlicher Frauen in der Altersspanne von 18 bis 93, ihre Lebensentwürfe, Momentaufnahmen unterschiedlicher Epochen. Wie Evaristo all dies verwebt und sinnvoll, schlüssig, glaubhaft zum Leben erweckt ist grossartig.

Die Dramatikerin Amma steht kurz vor dem Durchbruch. In ihrer ersten Inszenierung am Londoner National Theatre setzt sie sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinander. Ihre gute Freundin Shirley hingegen ist nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Londoner Schulen ausgebrannt. Carole hat Shirley, ihrer ehemaligen Lehrerin, viel zu verdanken, sie arbeitet inzwischen als erfolgreiche Investmentbankerin. Caroles Mutter Bummi will ebenfalls auf eigenen Füßen stehen und gründet eine Reinigungsfirma. Sie ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen und hat ihrer Tochter Carole aus guten Gründen einen englischen Vornamen gegeben. (Tropen Verlag)

„Mädchen, Frau etc.“ ist mehr als ein Roman über Herkunft, Identität, Race – es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, ein Panorama über einen Zeitraum von 100 Jahren, der uns vorgehalten wird und in dem wir uns mehrfach erkennen, unabhängig davon wer wir sind, wo und wie wir – mit wem auch immer- leben. Auch wenn man weiss, dass sich zum Schluss wohl alles an einem Ort vereinigen wird, möchte man, dass dieser Roman nicht aufhört und noch mehr Geschichten von unterschiedlichen Frauen erzählt, man könnte ewig so weiterlesen. Jedes einzelne Schicksal klingt glaubwürdig, lebensnah und bietet dem Leser alles – von tieftraurig, witzig, amüsant, tragisch, die ganze Palette menschlicher Irrungen, Wirrungen und natürlich grossenteils die Ungerechtigkeiten, denen people of colour (leider häufig immer noch) ausgesetzt sind und waren. Trotz oder gerade deswegen sprüht „Mädchen, Frau etc.“ vor Lebensfreude und Lust jeglicher Art. Auch gestalterisch ist der Roman absolut gelungen, sowohl in der Textgestaltung und im Satzspiegel, als auch im Versuch, für jede Person eine eigene Sprache, ja einen eigenen Rhythmus zu finden. Dieser Roman wurde zu Recht mit dem Booker Prize 2019 (zusammen mit Margaret Atwood) ausgezeichnet. Eine absolute Lesempfehlung!

„Mädchen, Frau etc.“ von Bernardine Evaristo, Tropen Verlag, 2019 (im Original), ISBN: 978-3-608-50484-2 (Werbung)

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4 Kommentare

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