Rebecca Makkai – Die Optimisten.

Was für ein toller, bewegender Roman! Und umso erschütternder, wenn man als Leser die Achtziger Jahre bewusst erlebt hat und weiss, wie nah diese Geschichte an der Wahrheit liegt, packend und mit grosser Sogwirkung….

Detailgetreu und hervorragend recherchiert erzählt und zeichnet die Autorin (mit Jahrgang 1978) ein Bild der Gay-Community im Amerika der 80 Jahre unter der rigiden konservativen Regierung Ronald Reagans, hoffnungslos ausgeliefert der immer stärker grassierenden AIDS-Epidemie und entsprechender Ausgrenzung der Infizierten. Es gibt noch keine Medikamente, die ersten Tests kommen gerade eben auf den Markt, wirkungsvolle Therapien sind erst Mitte der 90er Jahre verfügbar. Ganze Stadtviertel sterben dahin, unter grossenteils unwürdigen Umständen sterben schwule Männer reihenweise, ein Trauma für eine ganze schwule Generation. Die Krankheit betrifft aber nicht nur die Infizierten, sondern auch deren Familien und Freunde, das berufliche Umfeld. Davon berichtet dieser sensible und einfühlsame Roman und ist gleichzeitig auch ein Denkmal für die vielen Aktivisten (z.B. Gruppen wie ACT UP), die politische Signale und Zeichen setzen. Zur damaligen Zeit bedeutete die Diagnose HIV+ automatisch ein Todesurteil – das darf man nie vergessen. Und obwohl es noch immer keinen Impfstoff gegen HIV gibt, hat die Krankheit viel vom damaligen Schrecken verloren, da es heutzutage eine wirksame Medikation gibt – zumindest für die Infizierten, die eine Krankenversicherung besitzen und sich das leisten können. Alleine in den letzten 10 Jahren starben weltweit immer noch eine Million Menschen an AIDS, die Krankheit ist also immer noch existent und einen Vergleich mit der aktuellen Corona-Pandemie möchte ich nun wirklich nicht bemühen….

Chicago, 1985: Yale ist ein junger Kunstexperte, der mit Feuereifer nach Neuerwerbungen für seine Galerie sucht. Gerade ist er einer Gemälde- sammlung auf der Spur, die seiner Karriere den entscheidenden Schub verleihen könnte. Er ahnt nicht, dass ein Virus, das gerade in Chicagos Boystown zu wüten begonnen hat, einen nach dem anderen seiner Freunde in den Abgrund reißen wird.

Paris, 2015: Fiona spürt ihrer Tochter nach, die sich offenbar nicht finden lassen will. Die Suche nach ihr gestaltet sich ebenso zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, denn in Paris trifft sie auf alte Freunde aus Chicago, die sie an das Gefühlschaos der Achtzigerjahre erinnern und sie mit einem großen Schmerz von damals konfrontieren. (Eisele Verlag)

Der Plot ist interessant konstruiert und springt zwischen den beiden Zeit-Ebenen mühelos hin und her, das Konstrukt macht Sinn und wirkt nicht bemüht, wie das häufig der Fall ist.  Von Beginn an entwickelt der Roman eine Sogwirkung, der man sich nicht mehr entziehen kann (und will), die Geschichte – so tragisch sie ist – zieht den Leser in den Bann, lässt nicht los, verbleibt im Kopf nach dem Zuklappen des Buchdeckels. Die Spuren und Traumata dieser Zeit reichen bis ins Jahr 2015 und prägen die Überlebenden. Aber über allem schwebt eben auch immer ein klein wenig Hoffnung, der Titel ist absolut treffend gewählt: „Die Optimisten“, im Original „The Great Believers“. Zuletzt hat mich nur Hanya Yanagiharis Roman „Ein wenig Leben“ derartig bewegt. Hat man diese Zeit bewusst erlebt und Menschen in dieser Zeit durch AIDS verloren, ist der Roman sehr aufwühlend, aber auch für jeden anderen Leser ist dies nicht nur ein bewegendes Zeitdokument, sondern auch sehr empfehlenswerte Literatur. Nicht umsonst stand der Roman auf der Shortlist des Pulitzer Prices sowie dem National Book Award. Aktuell wird eine Umsetzung als TV-Serie vorbereitet. Und grosser Dank gebührt der umtriebigen Verlegerin Julia Eisele, der es zu verdanken ist, dass dieser Roman, den ich jedem Leser ans Herz legen möchte, am deutschsprachigen Buchmarkt erscheinen konnte….

„Die Optimisten“ von Rebecca Makkai, 2020, Eisele Verlag, ISBN: 978-3-96161-077-8 (Werbung)

Zuletzt gelesen:

Frédéric Martel – Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan

Daniel Cole – Ragdoll

Søren Sveistrup – Der Kastanienmann

Carol Shields – Das Tagebuch der Daisy Goodwill

Petros Markaris – Drei Grazien

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

Hansjörg Schneider – Hunkeler in der Wildnis

Stephen King – Die Arena

Lukas Hartmann – Der Sänger

 

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