Christian Kracht – Eurotrash.

„Eurotrash“ – Der neue Roman von Christian Kracht ist ein Roadmovie, den man in einem Atemzug liest. Literarisch gesehen war er – neben Benjamin von Stuckrad-Barre – sicherlich einer der grossen Stars der 90er Jahre. Sein Können ist nicht verblasst, das neue Buch lohnt sich! Unbedingt!

Seit „Imperium“ (2012) sind ein paar Jahre vergangen, „Faserland“ erschien bereits vor über 25 Jahren. Wie grossartig Christian Kracht schreiben kann, war in meiner Erinnerung etwas verblasst. Aber bereits auf den ersten Seiten des neuen Romans hat er mich schon gepackt, nimmt er mich mit auf diese Abenteuerreise durch die Schweiz und in die dunkelsten Abgründe seiner Familiengeschichte. Der Roman ist vor allem dann lesenswert, wenn man selbst hier lebt und vor allem Zürich gut kennt. Dann weiss man, die exzentrische Figur der Mutter ist kein Phantasiegebilde, sondern ein dutzendfach existierendes Exemplar, wohnhaft am Züriberg. Für jeden anderen Leser ist es eine grossartige Mischung aus Fiktion und autobiographischem Material, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, eine Abrechnung von Mutter und Sohn, eine teils explosive Mischung aus Geschichtsschreibung, Tagesgeschehen und herrlichem Sarkasmus.

Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise – diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor. (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Natürlich ist „Eurotrash“ eine gnadenlos grossartige Selbstinszenierung des Autors, warum auch nicht? Was spricht dagegen? Nichts. Der Roman lässt tief in die Abgründe seiner Familie blicken, egal ob wahr oder erfunden – präzise und wie immer schneidend klar und schonungslos in der für Kracht so punktgenauen Schreibe. Jeder Dialog sitzt perfekt, kein Wort zu viel oder zu wenig. Kracht ist ein Meister des Satzbaus, ein grossartiger Architekt feinsinniger und gestochen scharfer Formulierungen, häufig liegt der tödliche Dolchstoss im Nebensatz. Den neuen Roman von Christian Kracht kann man nun mögen oder nicht, literarisch brilliant ist er auf jeden Fall.

„Eurotrash“ von Christian Kracht, 2021, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-05083-7 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau etc.

Clarice Lispector – Aber es wird regnen

Benedict Wells – Hard Land

Tarjei Vesaas – Die Vögel

Charles Lewinsky – Der Halbbart

Nina Gladitz – Leni Riefenstahl: Karriere einer Täterin

100 Jahre Highsmith & Dürrenmatt: 2 Biografien

Bernhard Schlink – Abschiedsfarben

Nana Kwame Adjei-Brenyah – Friday Black

Joachim B. Schmidt – Kalmann

Ann Petry – The Street

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