NEW WORKS: Hakobjan / Jung – Ballett Basel 10.05.2026

Mit dem Antritt des neuen Hauschoreografen und künstlerischen Leiter des Ballett Basel MARCO GOECKE zur Saison 25/26 wurde auch eine neue Reihe etabliert: NEW WORKS. Hier zeigen junge aufstrebende Choreograf:innen neue Kreationen. In der ersten Ausgabe zeigt man die beiden Uraufführungen „Éphémère“ von ANNE JUNG und „The Urge“ von LILIT HAKOBJAN. Zwei Stücke, zwei Tanzsprachen, die unterschiedlicher nicht sein könnten…

Es ist ein spannendes, lobenswertes Konzept, dass jungen Choreograph:innen die Möglichkeit gibt, ihre Kreationen einem breiten Publikum vorzustellen. Neue Talente, neue Bewegungssprachen und in diesem Fall zusätzlich neu komponierte Musiken sind den Besuch wert, es gibt immer etwas zu entdecken, denn wohl kein Genre befindet sich in einer permanenten, kreativen Weiterentwicklung wie der Tanz – das finde ich immer wieder absolut spannend. Der Abend beginnt mit Anne Jungs Choreographie „Éphémère“, der Vorhang geht auf – weisser Tanzboden und viel Bühnennebel, der über die am Boden liegenden Tänzer:innen wabert, damit hat mich Jung eigentlich schon gepackt – ich liebe Beides! Die Musik von KIRILL RICHTER ist eine sphärische elektronische Bearbeitung verschiedener Klänge von Streichinstrumenten, zu Beginn viel Cello, später ist stellenweise gezupfter Bass zu hören, ich mag das sehr, diese dominante Musik. Die Tänzer:innen scheinen wie aus einem tiefgekühlten, sehr langen Schlaf zu erwachen, treten ins Leben ein, verlassen ihren Zustand, die Bewegungen sind fliessend, traumhaft. Durch die beiden Spiegelwände, die den asymmetrischen Bühnenraum aufnehmen und eine Unendlichkeit suggerieren – begrenzt nur durch den dadurch sichtbaren Zuschauerraum – werden sie gedoppelt, teilweise mehrfach gespiegelt und dennoch gibt es Momente, in denen diese Begrenzungen durchlässig sind, man das Gefühl hat, in ein anderes Universum zu blicken – die Grenzen dieser Welt sind fliessend, ebenso sämtliche Bewegungen, es gibt kaum Stillstand, wie Wellen fluten die Bewegungen den Raum, es wird gerannt, viel gedreht und gesprungen, ab und zu gibt es Partnerarbeit. Ich folge diesen Bewegungen, die mich seltsam unberührt zurücklassen, was da gerade passiert, bewegt mich in keinster Art und Weise und ich frage mich, ob das die Absicht der Choreografin ist? Auch das Ensemble lässt mich kalt und emotionslos zurück, ich habe nicht das Gefühl einem zusammengewachsenen Ensemble zu folgen, vielmehr sind es Zufallsbegegnungen, die sich finden und wieder verlassen, sich verlieren. Dieser hier fehlende Ensemblegeist, der oft die Arbeit einer Company ausmacht, irritiert mich und beschäftigt mich noch jetzt. Als würde jeder nur für sich selbst tanzen.

Die Pause dauert lange, es gibt technische Probleme, letztlich hebt sich der Vorhang doch noch und sowohl Tanzboden, als auch Kostüme (THOMAS LEMPERTZ) und Setting (MARVIN OTT) sind nun schwarz, dunkel, düster, haben nicht die Leichtigkeit des hellen, luftigen, leichten Auftakts, eine komplett gegenteilige Stimmung zur ersten Arbeit. Ich spüre sofort eine kochende Energie, wie ich sie von Hofesh Shechters Arbeiten kenne und immer wieder ist da auch der – so nenne ich das jedenfalls – Hofesh Shechter Klumpen. Eine synchrone sich bewegende Menschenmasse, allerdings in den Arbeiten Shechters um einiges synchroner, getanzt, als ich es hier sehe – ich meine, wenn schon synchron choreografiert wurde, dann will ich das auch sehen, dann stören mich die offensichtlichen Fehler. Da bin ich dann penibel. Es wirkt (wie stellenweise auch schon im ersten Teil) etwas unsauber. Und ich frage nach dem Sinn der überdimensionalen Leuchte – die mich ein wenig an Moraus „Nachtträume“ erinnert – sie stört mich nicht, ist aber so sehr präsent, dass ich mich frage, welche Idee hier verfolgt wird? Ist dieses Licht, dieses Leuchten und Flackern der Lampe ein Impuls von aussen, der in diese dunkle Technowelt eindringt und den Takt vorgibt? Im Interview mit der Choreografin ist zu lesen, dass diese Arbeit inspiriert ist vom historischen Phänomen der Choreomanie von 1518 in Strassburg, einer „Tanzwut“, einer rätselhaften Epidemie, bei der hunderte Menschen über Wochen unkontrolliert und ohne Musik durch die Strassen tanzten – ausgelöst – durch eine Frau namens Troffea – führte dieses Phänomen zu Erschöpfung, Verletzungen, Todesfällen – man nannte dies auch die „Tanzpest“. Das finde ich interessant, der schwarze, dunkle tanzende Tod geht um! Das beantwortet aber nicht meine Frage zur Sinnhaftigkeit des Lüsters – naja, so what! Die Musik, ebenfalls ein Auftragswerk, von SAMUEL VAN DER VEER – gefällt mir gut, sie hat auch etwas von Shechter, der zumeist seine eigene Musik für seine choreographischen Arbeiten produziert, hier treibende Beats, unterlegt mit nordafrikanischen Klängen, sehr energetisch, gut tanzbar, nicht so esoterisch angehaucht wie im ersten Teil. Es macht keinen Sinn, diese beiden neuen Arbeiten miteinander zu vergleichen, vielmehr zeigt „New Works“, welch immense Bandbreite Tanz zu bieten hat. Und wie so häufig bei Tanz, muss man auch nicht alles überinterpretieren, man kann es einfach so stehen lassen, wie es ist, in diesem Fall, für mich zwei Zustände, zwei Emotionen, zwei Energielevel – dunkel, düster, schwarz und leicht, durchlässig, weiss. Dem Publikum – sehr interessant durchmischt, wohl auch muttertagsbedingt – gefallen diese neuen Arbeiten, es ist für jeden etwas dabei, spricht das Publikum an und auch ich bin froh, nach Basel gefahren zu sein, um zwei neue Handschriften zu sehen, auch wenn ich – wie bereits eingangs erwähnt – seltsam unberührt das kleine Haus verlasse. Das Konzept ist super und für die kommende Saison wurde nun bereits NEW WORKS II mit Arbeiten von Hulot und Valente (dessen letzte Arbeit „Bare“ im Rahmen des „Timeframed„-Abends des Zürich Ballett zu sehen war und die ich grossartig fand) – angekündigt! Ab 23.4.27 gibt es dann die beiden Uraufführungen „Bite the Bullet“ von Guillaume Hulot und „Substantia Nigra“ von Lucas Valente zu sehen. Darauf kann man sich freuen…

What’s next auf meiner Tanz-Agenda? Selbstverständlich Cathy Marstons neue Arbeit – Prokofjews „Romeo und Julia“ des Zürich Balletts und im Juni dann „Kontakthof – Echos of ’78“ von Pina Bausch (bzw. Neubearbeitung von Meryl Tankard) in Lugano. Can’t wait!

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

GöteborgsOperans Danskompani: HAMMER (Ekman) – STEPS / LAC Lugano 29.03.2026

Tanzkompanie St. Gallen: Echos – Theater St. Gallen Premiere 14.03.2026

Shechter II: In the Brain – STEPS / Theater Gessnerallee Zürich 13.03.2026

Timeframed: Forsythe/Valente/Foniadakis/van Manen – Zürich Ballett 25.01.2026

B.Dance: Alice – Theater Winterthur 17.12.2025

Der Nussknacker/Goecke – Ballett Basel Premiere 13.12.2025

Eyal/Arias/Tanzkompanie St. Gallen – Theater St. Gallen Premiere 29.11.25 

Der Liebhaber/Goecke – Ballett Basel 09.11.2025

Béjart Ballet: Ballet for Life – Theater 11 Zürich 07.11.2025

Oiseaux Rebelles: Dani Rowe/Mats Ek – Zürich Ballett 31.10.2025

CCN Aterballetto/Marcos Morau: Notte Morricone – Theater Winterthur 02.10.2025

Countertime: MacMillan/Marston/Arias – Ballett Zürich 27.06.2025

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