Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622.

Vom Studenten zum weltweit gelesenen Autor: Das ist die Erfolgsgeschichte von Joël Dicker. Nach seinem Debüterfolg 2013 mit „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ sowie den unterhaltsamen Folge-Romanen „Die Geschichte der Baltimores“ (mein Favorit) und „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“, die man als Leser mit grossem Genuss und hohem Unterhaltungswert gelesen hat, ist nun sein neuer Roman „Das Geheimnis von Zimmer 622“ auf deutsch erschienen und um es gleich auf den Punkt zu bringen – diese 677 Seiten umfassende Schmonzette ist schlecht und derart trivial, dass man es fast nicht glauben mag…

Erstmals siedelt der Autor einen Roman in der Schweiz an, nachdem man bisher als Handlungsort nur die amerikanische Ostküste von ihm gewohnt war und dann ist Dicker selbst auch noch als „Der“ Schriftsteller die führende Figur. Das ist originell und gibt dem Werk eine (vermeintlich) persönliche Note, auch weil dieser Roman offensichtlich eine Widmung an seinen grossen Förderer, dem verstorbenen Herausgeber Bernard de Fallois ist. Joël Dicker himself – als Figur – bleibt jedoch seltsam langweilig, eindimensional und uninteressant gezeichnet. Der Plot und die weiteren Protagonisten ergehen sich in Klischees und Plattitüden und beschreiben das Luxusleben Genfer Privatbankiers – es braucht sehr lange, bis die Geschichte endlich etwas an Fahrt aufnimmt, sich dann aber ewig in die Länge zieht und stellenweise so unglaubwürdig und konstruiert wirkt, dass es einem die Schuhe auszieht. Schade, denn gerade dieses unkomplizierte Fabulieren und Erfinden war in den bisherigen Romanen Dickers seine grosse Stärke.

Eine dunkle Nacht im Dezember, ein Mord im vornehmen Hotel Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Doch der Fall wird nie aufgeklärt. – Einige Jahre später verbringt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Ferien im Palace. Während er die charmante Scarlett Leonas kennenlernt und sich mit ihr über die Kunst des Schreibens unterhält, ahnt er nicht, dass sie beide in den ungelösten Mordfall hineingezogen werden. Was geschah damals in Zimmer 622, das es offiziell gar nicht gibt in diesem Hotel … (Piper Verlag)

Sicherlich, der neue Roman ist interessant konstruiert mit seinen unterschiedlichen Erzählperspektiven und Zeitebenen und hält den Leser die meiste Zeit bei der Stange, aber dann hat eben doch das Lektorat versagt. In Dickers Plot gibt es viele interessante Figuren und einige sehr hübsche Ideen, aus denen man gut einen eigenen Roman hätte stricken können, wie etwa die Geschichte des verkannten Schauspielers Sol Lewowitsch und wie wir alle von unzähligen Romanen wissen, hat ein Hotel als Schauplatz viel an spannenden Geschichten zu bieten. Doch hier hätte das Lektorat einschreiten müssen, Dicker verzettelt sich in unzähligen Strängen, Erzählebenen und Zeitsprüngen – das kennt man ja von ihm, das ist sozusagen sein Markenzeichen, aber in diesem Fall ist es einfach ermüdend und irgendwann hat man als Leser schlichtweg keine Lust mehr auf weitere Wendungen und Enthüllungen in diesem total verquasten und nie enden wollenden Plot. Nach über 70 Kapiteln hat man es dann geschafft und fragt sich, wie man diesen Roman bis zum Schluss ertragen konnte. Eine grosse Enttäuschung dieser Roman, aber es bleibt die Hoffnung auf einen besseren Nachfolger – Schreiben kann er ja, der Joël Dicker…

„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker, 2021, Piper Verlag, ISBN: 978-3-492-07090-4 (Werbung)

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15 Kommentare

  1. Nemorino

    Das einzige Buch, das ich bisher von Joël Dicker gelesen habe, war „La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert“, was ich auf weite Strecken als Satire aufgefasst habe. Unterhaltsam war es auf jeden Fall, hat mich jedoch nicht motiviert, weitere Bücher von ihm zu lesen.

    Gefällt 1 Person

Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren

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