Regisseurin JULIA LWOWSKI vom Kollektiv „Hauen und Stechen“ ist bekannt für ihre Opern-Überschreibungen und dekonstuierten Arbeiten im Musiktheater. Das Berner Publikum hatte – so war zu hören – bereits im Vorfeld etwas Sorge, dass von Verdis „La forza del destino“ nicht viel übrig bleiben wird. Fast ist man dann von der eher harmlosen Premiere etwas enttäuscht – Buhs und Bravos halten sich die Waage, eine interessante Lesart ist es allemal…
Es wird nicht alles so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Und da Lwowski am musikalischen Ablauf des Stückes nichts ändern konnte und für das Publikum ja doch irgendwie eine Geschichte erzählt werden muss, bleibt der Regisseurin und ihrem Team nur die Möglichkeit visuell neue Wege zu gehen, sich einen ganz speziellen Fokus für diese Arbeit zu suchen. Das gelingt ihr jedoch nur teilweise, die Provokation bleibt aus (darüber sind wir heutzutage doch eh schon längst hinweg…), dafür findet man spannende Momente und interessante Ansatzpunkte. Die inszenierte Zusatzstory während der Ouvertüre ist ganz originell: ein Vater will seine Tochter standesgemäss in die Oper ausführen, sie besuchen eine Vorstellung von „La forza del destino“, sitzen in der Proszeniumsloge – die Macht des Schicksals schlägt unerbittlich zu, der Sog der Handlung zieht die beiden in den Bann, sie betreten als Akteure die Bühne. Das ist stellenweise recht witzig und lockert die spürbar angespannte Premieren-Atmosphäre etwas auf, bereits hier wird alles via Live-Kamera dokumentiert und über verschiedenen Screens für das Publikum gestreamt. Das ist grossartig, dadurch sind viele Aktionen nahbarer, erlebbarer, authentischer, auch wenn Kameramann MARTIN MALLON (mit wackeliger Slapstick-Billigperücke) – der auch für die vorproduzierten Videos verantwortlich ist – manchmal etwas nervt (und es gibt eben doch eine kleine Zeitverzögerung in der Übertragung, so dass man stellenweise das Gefühl hat, dass es eben nicht live ist… – technisches Problem? Oder wieso gab es eine zusätzliche Ansage, man möge die Handy komplett aussschalten und nicht im Flugmodus belassen?). Es gibt so viele Dinge, die uns Lwowski erzählen will und das ist wohl auch die Crux dieser Produktion, das ist zu viel des Guten – natürlich sind, nebst der unglückliche Lovestory, der Krieg und seine Folgen das Hauptthema (auch wenn das „Playmobil-Schlachtfeld für Kinder“ eher niedlich als bedrohlich wirkt, da nützt auch die blutbefleckte Puppe nichts…), weiterhin liegt ein starker Fokus auf die rassistische Ausgrenzung Alvaros mit eingeflochtenen Live-Statements der sehr divers gecasteten Statisterie oder einer kurz aufblitzenden Lektüre von James Baldwins „Fire next time“, dazu die Aufforderung sein Geschlecht zu wechseln, über Grenzen zu gehen, den Vater auf den Strich zu schicken oder die Libido zu wechseln. All das (und noch viel mehr) in den Einspielungen von Kumernissa oder auch „Heilige Kümmernis“ – eine vom Vatikan nicht legitimierte Heilige, die quasi genderfluid auf unzähligen Darstellungen existiert und sehr mysteriös daherkommt, das ist dann auch mein persönliches Highlight in dieser Inszenierung, sie ist so omnipräsent, wie sie in diesem roten Gewand von oben herabschwebt, wie eine Ikone mit ihrem Abbild devot von den Mönchen verehrt wird, wie ein ganz eigener von der Regisseurin aus dem Nichts herbeigeholter Kult in diesem Stück auftaucht, das gefällt mir ausserordentlich (auch weil religionskritisch!) und vor allem gefallen mir die beiden Einspieler mit GINA-LISA MAIWALD als ebenjene seltsame Heilige mit Schnurrbart. Das ist dann doch mal etwas anderes und für mich jedenfalls ein absoluter Gewinn in dieser sonst sehr heroisch-tragischen italienischen Oper, wie es sie hundertfach gibt, also warum nicht? Das ergibt keine neue Erkenntnis, schadet aber auch nicht und finde ich ganz unterhaltsam. Andere Momente wie das ausgeweidete, geschlachtete Schwein, das an die Menschenmenge verfüttert wird und Leonora (oder Kumernissa?) sich unter dieser halben Sau blutige Tränen einfängt, entlockt mir nur ein müdes Gähnen. Ich bin also immer ein wenig hin- und hergerissen und gleichzeitig stellenweise etwas überfordert von diesem permanenten Aktionismus, ich komme manchmal nicht dazu auf die Übertitelung zu blicken, um zu checken, was denn „eigentlich“ gerade läuft. Nur selten gibt es ruhige Momente und ein Vertrauen in diese wunderbare Musik und das für meinen Geschmack ideal besetzte Ensemble. Hier gibt es für mich einen absoluten Favoriten – GUSTAVO CASTILLO mit seinem ganz herrlich strömenden Bariton ist ein sehr starker, dominanter und omnipräsenter Don Carlo di Vargas, MIHAILS ČULPAJEVS Stimme mag ich sehr, in einigen Momenten hätte ich mir jedoch etwas weniger Druck gewünscht und CATERINA MARCHESINIs Donna Leonora überzeugt mich ebenfalls – eine tolle Dreier-Konstellation. Für sie gibt es dann auch mehrfach wohlverdiente Bravos nach den Arien, von Premieren-Nervosität ist nichts zu spüren, vielleicht wirken sie manchmal etwas müde von der Probezeit, aber so ist das eben. MARCELA RAHAL, die mir schon mehrfach aufgefallen ist, überzeugt mich auch als Preziosilla, energiegeladen und äusserst stark im „Rataplan-Chor“ (für mich sowieso ein starker – mit einfachen Mitteln gestalteter – Moment in dieser Produktion). Die Besetzung von CHRISTIAN VALLE sowohl als Marchese di Calatrava und als Padre Guardiano finde ich einen cleveren Regie-Schachzug, seine Stimme höre ich immer wieder gerne und JONATHAN MCGOVERN ist einfach köstlich als Fra Melitone (die Rolle bzw. das Libretto gibt natürlich viel her – seine „Fluglotsen“-Choreo ist zum Schreien gut!…), zudem auf der Bühne: DIANA MIAN (Curra), OKSANA VAKULA (Braut), MICHAL BACZYK (un alcade/un chirurgo) und IAN MATTHEW CASTRO (Mastro Trabuco). Der CHOR UND EXTRACHOR der Bühnen Bern klingt exzellent einstudiert (ZSOLT CZETNER), aber auch hier in Bern muss ich (leider) feststellen, dass ich es immer wieder furchtbar peinlich finde, wenn man den Chor nötigt, sich mit einer einstudierten Choreografie zu plagen (bis auf den Chor der Opéra de Lausanne…) – das funktioniert nicht und löst bei mir Fremdscham aus. Das Setting von YASSU YABARA orientiert sich am Regiekonzept, warum die Brandmauer der Berner Bühne gedoppelt bzw. zitiert wird, erschliesst sich mir nicht (stört mich aber auch nicht), die Klause ist wirklich eng und klaustrophobisch (arme Leonora!), im Licht von PHILIPPE VONLANTHEN sieht alles gut aus, das eher dezente Kostümbild stammt von ROMY SPRINGSGUTH – ich liebe die blauen Mönchskutten und die Militär-Uniformen in knallgelber Camouflage!. An meinem Platz im Parkett erschien mir die Dynamik aus dem Graben optimal, absolut sängerfreundlich und deshalb extrem textverständlich (vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl, dass mir einzelne Stimmen stellenweise viel zu laut vorkamen…?) und ohne den häufig zu hörenden Verdi-Hau-Drauf-Humptata-Sound, stellenweise empfand ich das Dirigat von ALEVTINA IOFFE sogar dezent und voller Rücksicht auf die überbordenden Geschehnisse auf der Bühne (oder vielleicht ging die Musik durch den manchmal extremen Bühnenaktionismus auch etwas unter?). Kann man sehen, wie man möchte. Mir hat es sehr gut gefallen.

Das war nun bereits die zweite von mir besuchte Neuproduktion von Verdis „La forza del destino“ in dieser Spielzeit 2025/26 – nach Valentina Carrascos Inszenierung in Zürich, nun also Julia Lwowskis Interpretation an den Bühnen Bern – ein Zeichen der weltpolitischen Lage, dass sich Frauen mit derartig kriegerischen Werken beschäftigen? Jedenfalls sind es interessante Sichtweisen, die endlich nicht mehr nur von der alten (und jungen) weissen männlichen Regie-Garde kommen. Und wenn dann doch kritische Töne zu hören sind, so kommen diese zumeist ebenfalls aus der Ecke alter weisse Männer! Dazu immer mehr Frauen am Pult, grossartig, weiter so! Bravi nach Bern!
Whats next? – Die Saison neigt sich (gefühlt) dem Ende entgegen, ich werde noch die WA von „Un Ballo in Maschera“ in Zürich besuchen, sicherlich die UA von Salvatore Sciarrinos Oper „L’Agamennone“ in Bern und den neuen „Tannhäuser“ ebenfalls in Zürich. On verra!
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
555: La clemenza di Tito – Oper Zürich 29.04.2026
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025