Ronya Othmann – Die Sommer.

Im August 2020 erschien im Hanser Verlag der Roman „Die Sommer“ von Ronya Othmann – ein starkes und beeindruckendes Debüt, in dem es um die Zerrissenheit junger Migranten geht. Lebendige komplexe Figuren und Einblicke in die komplizierten politischen Geschehnisse in Syrien machen das Buch zur absolut lesenswerten Lektüre…

Man liest und merkt, wie wenig man doch über Syrien und die Region weiss und welche Schicksale sich in den unzähligen Flüchtlingsströmen verbergen, das wurde mir zuletzt bereits im autobiographischen Roman „Selamlik“ von Khaled Alesmael bewusst. Nun aber diese packende Geschichte von Leyla und ihrer jesidischen Familie, in deren Leben man im ersten Teil des Romans interessante Einblicke erhält, erschütternd die Diskriminierung der jesidischen Kurden, die keinen syrischen Pass besitzen (dürfen) und als Ausländer („adschnabi“) gelten. Leylas Vater erhält aus diesem Grund trotz seines hervorragenden Abiturs (96 von 100 Punkten) keinen Studienplatz, flüchtet später, vermisst aber im verheissenen Land Deutschland seinen kulturellen Hintergrund und versucht sich ein kleines Stück Heimat zu schaffen, indem er den Garten seiner Grosseltern in Syrien imitiert, dann aber doch feststellen muss, dass in der Heimat alles viel besser wächst und gedeiht – deutsche Tomaten sind eben keine syrischen Tomaten. Bei den Frauen im kleinen Dorf am nicht geräumten Minenfeld nahe der türkischen Grenze dreht sich alles nur um das grosse und allgegenwärtige Thema Hochzeit – die Verheissung für Frauen schlechthin. Und als es zum Aufruf zur Revolution kommt. verbünden sich die unterschiedlichsten Gruppierungen zum Aufstand gegen Assads Regime: Araber, Kurden, Armenier, Aramäer, Christen, Alawiten, Sunniten, Schiiten, Êzîden. All das erfährt Leyla durch Erzählungen oder die Sommer, die sie jedes Jahr im Haus ihrer Grossmutter verbringt.

Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt. (Hanser Verlag)

Wohltuend schnörkelos erzählt Ronya Othmann diesen Zwiespalt, diese Zerrissenheit – das fesselt und lässt den Leser nicht los. Die Geschichte, wie sie wohl täglich tausendfach auf dieser Welt passiert, wird ohne grosses Pathos erzählt und macht neugierig. Man möchte mehr wissen über das Land, die Geschehnisse, aber vor allem über die dort lebenden Menschen, kennt man die meisten Ereignisse in dieser krisengeschüttelten Region nur als kurze Schlagzeile in den Medien. Während im ersten Teil des Romans überwiegend vom dörflichen Leben und Leylas Sommeraufenthalten in Syrien erzählt wird, geht es im zweiten Teil um die Studienjahre Leylas in Leipzig, eine Reise zur Familie ist aufgrund der Verhältnisse nicht mehr möglich.. Dies ist der interessantere Teil – die Zerrissenheit zwischen den Kulturen und die Ohnmacht, der Familie nicht helfen zu können, während in Deutschland das Leben einfach weitergeht und sich im Grunde niemand wirklich für die Situation der verfolgten Völkergruppen interessiert. Die Mutter Leylas, eine Deutsche, tritt nicht wirklich in Erscheinung, im Fokus stehen Leyla, ihr Vater und die allgegenwärtige Grossmutter, Mittelpunkt der grossen und weitverzweigten Familie. Einer der stärksten Debütromane seit langem…

„Die Sommer“ von Ronya Othmann, 2020, Hanser Verlag, ISBN: 978-3-446-26760-2 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Hanser Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

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