Khaled Alesmael – Selamlik.

Eine wichtige Neuerscheinung ist der biographisch gefärbte Roman „Selamlik“ des aus Syrien geflüchteten schwulen Autors Khaled Alesmael, der 2014 in Schweden Asyl beantragt und mittlerweile die Schwedische Staatsbürgerschaft hat. Der Roman gibt unter anderem spannende Einblicke in das Leben der Gay-Community in einem vom Islam geprägten Land, das mittlerweile durch eine jahrelange zermürbende Revolution in weiten Teilen vollends zerstört ist.

Stellenweise sehr explizit schildert der Autor ausschweifendes schwules Leben seiner Figur Furat, sowohl in Damaskus, als auch auf den Stationen seiner Flucht, wie etwa in Istanbul. Für die Hetero-Welt mag das stellenweise etwas schockierend sein, aus schwuler Sicht ist es eine absolut realistische Schilderung – offen, ehrlich, lebensnah, lebensbejahend. Auf den ersten Blick zeigt sich kein sehr grosser Unterschied zur westlichen Subkultur, jedoch ist die Verfolgung, Diffamierung, die akute Lebensgefahr allzeit präsent, ein offen Schwules Leben unmöglich, Man trifft sich heimlich und im Verborgenen, lebt in der Angst vor Denunziation, Verhaftung und Ächtung – die Geheimpolizei ist immer in der Nähe.

Furat ist als eines von sechs Geschwistern in einer gutbürgerlichen Familie in Syrien aufgewachsen. Den Tod von Diktator Hafiz al-Assad erlebt er im Jahr 2000 im Studentenwohnheim von Damaskus gemeinsam mit der ersten großen Liebe seines Lebens. Hartnäckig erkundet er die »heimliche Revolution«, das verborgene Leben homosexueller Männer in Damaskus, ihre Parks, Saunen und Pornokinos. Der Terror des Bürgerkriegs trifft die Schwulen gleich doppelt: Islamistische Rebellen machen gezielt Jagd auf »die Leute von Lot«, stürzen sie von Hochhäusern in den Tod. Als das Haus der Familie in die Schusslinie der Kampftruppen gerät, macht sich Furat auf den Weg nach Norden. Auf der Flucht und im schwedischen Asylantenheim begegnen ihm seine arabischen Landsleute weiterhin mit unverhüllter Homophobie. In seinem Zimmer mit Blick auf den Friedhof von Åseda beginnt Furat, die Geschichte seines Lebens aufzuschreiben. (Albino Verlag)

Collagenartig und mit verschiedenen Zeit-Ebenen erzählt Alesmael (*1979) diese Geschichte, die wohl nah an seiner eigenen Biographie sein dürfte. Die Homophobie geht weiter, auch auf den Stationen seiner Flucht und in seinem Zielland Schweden in den Asylzentren. Wichtig an diesem Roman ist die Sichtbarkeit von LGBTQI-Flüchtlingen, die in der offiziellen Berichterstattung selten oder gar nicht vorkommen. Lässt man sich auf dieses „Zeitdokument“ der grossen Flüchtlingskrise ein, erfährt man viel Interessantes über Schwules Leben, das so anders ist, als wir es im Westen kennen. Allgegenwärtig im Roman die aufgeladene Sexualität und spontane Geilheit, aber auch das Fremdartige, ja fast schon Exotische, das neugierig macht, man aber leider nur von erschreckenden Meldungen aus den Nachrichten kennt.

„Selamlik“ von Khaled Alesmael, 2020, Albino Verlag, ISBN: 978-3-86300-302-9 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Albino Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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