Theres Essmann – Federico Temperini.

Das Erzähldebüt der Autorin Theres Essmann wird explizit als Novelle gepriesen und verkauft. Das klingt ein wenig altbacken und verstaubt, fühlt sich beim Lesen dann zeitgemässer an, als zu erwarten war. Für einen Erstling ist „Federico Temperini“ ganz gut gelungen…

Interessiert man sich für klassische Musik, im speziellen für das Repertoire an Violin-Konzerten und ist man Liebhaber langsamen und behäbigen Erzählens, so hat man sicherlich seine Freude an diesem kurzen Roman (als den ich es bezeichnen würde). Die Zeichnung der Protagonisten ist moderner als man es zunächst erwartet, bleibt aber letztendlich konturlos und schemenhaft, der namensgebende Federico Temperini wirkt konstruiert und bemüht mystisch – sehr viel erfährt man nicht über ihn. Schön ist die durchgehende Leichtigkeit, mit der diese Geschichte gewebt ist, für den Leser bleibt dennoch ein unbestimmt unbefriedigendes Gefühl: Irgendetwas fehlt.

Es sind zwei ungleiche Männer: Der mysteriöse alte Herr Federico Temperini und der Kölner Taxifahrer Jürgen Krause, den Temperini als Chauffeur anheuert. Und dann ist da noch Niccolò Paganini, der sozusagen mit den beiden im Taxi sitzt. Denn Temperini zieht Krause immer mehr hinein in seine obsessive Welt, in der sich alles um den einstigen Teufelsgeiger Paganini und dessen großartige Vergangenheit dreht. In feinster Erzählkunst kreist Theres Essmanns Novelle um die allmähliche Annäherung der ungleichen Männer, die beide auf ihre Art einsam sind und gefangen in der Vergangenheit, und um Temperinis Geheimnis, das dieser nur widerstrebend preisgibt. Eine Novelle über Vergänglichkeit und Verlust und über das Unvermögen, das Verlorene loszulassen. Über groß sein und klein sein und den Preis der Grandiosität. Und über das, was uns wahrhaft groß macht: unsere Menschlichkeit. (Verlag Klöpfer.Narr)

Der Plot gibt sich zunächst novellenhaft-geheimnisvoll, überrascht aber eben leider nicht. Die Handlung ist grossenteils vorhersehbar. Das schmälert das Lesevergnügen etwas. Und es bleibt die Frage, warum sich die Autorin für dieses Thema entschieden hat, welche Figur ist ihr eigentlich wichtig und was will uns diese Geschichte erzählen? Viele gute Ansätze, aber kein Fokus erkennbar. Und warum ausgerechnet eine Novelle? In einer Novelle spielt der Zufall häufig eine grosse Rolle – ohne viel verraten zu wollen: hier ist alles gut geplant. Überraschende Momente gibt es nicht. Das ist schade. Eine Reduktion der Erzählstränge, eine Verschlankung der Konflikte hätte dem Text gut getan. So ist es einfach zu viel des guten. Da gibt es die Vorgeschichte mit dem ebenfalls als Chauffeur fahrenden Vater, die Trennung vom Sohn, der nun bei der Mutter und einem neuen „Vater“ lebt und natürlich die vielen Konzertbesuche, samt der in kurzen Rückblenden angedeuteten Lebensgeschichte Temperinis sowie das Paralleluniversum des Teufelsgeigers Niccolò Paganinis. Das schmale Erzählbändchen ist rasch durchgelesen und dann auch wieder beiseite gelegt. Nachhaltig packend ist es nicht, jedoch macht „Federico Temperini“ grosse Lust, sich eine Biografie Paganinis zu kaufen. Und normalerweise beurteile ich Neuerscheinungen nie nach der Gestaltung, aber wenn mir diese Novelle nicht ans Herz gelegt worden wäre, hätte ich sie aufgrund der graphischen Titelgestaltung nicht zur Hand genommen. Der Umschlag ist leider der totale Abtörner und macht keine Lust darin zu blättern, da kann auf der Rückseite oder im Klappentext stehen was will…

„Federico Temperini“ von  Theres Essmann, Verlag Klöpfer.Narr, 2020, ISBN 978-3-7496-1026-6 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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