Éric Vuillard – Der Krieg der Armen.

Gerade einmal 64 Seiten hat das dünne Bändchen über den Drucker, Reformator, Theologen Thomas Müntzer, aber diese haben es in sich. Hochliterarisch und wortstark, kämpferisch und laut, kurz und knackig – absolut lesenswert! 

Historisch vielleicht nicht alles belegbar, aber den Anspruch hat diese Miniatur wohl auch nicht, liest sich dieser kurze Abriss dieses feurig engagierten Lebens in einem Atemzug. Und auch wenn man (wie ich) vorher noch nie etwas von Thomas Müntzer gehört hat, ist es äusserst spannend, tragisch, flammend. Es gibt nicht genügend Adjektive um diesen Text und sein Tempo zu beschreiben. Man muss einfach damit beginnen, sich darauf einlassen, tief Luft holen und fertig…

Dürfen die Armen wütend sein, dürfen die an den Rand Gedrängten sich ihre Rechte erkämpfen, notfalls mit Gewalt? Luther sprach ihnen im Zuge der Bauernkriege dieses Recht ab, ein anderer Reformator jedoch schlug sich auf ihre Seite und prägte die beiden Jahre des Aufstands entscheidend. Der Drucker, Utopist, Brandredner und Theologe Thomas Müntzer hatte nicht weniger als einen Sturz der Obrigkeit im Sinn – mit religiösen wie ganz und gar weltlichen Argumenten stellte er sich dem ausbeuterischen Feudalsystem entgegen. Der Preis für seinen Mut war hoch: Für seine sozialrevolutionären Ideen wurde er bereits zwei Jahre nach Beginn der Aufstände enthauptet, doch sein Drängen nach Gerechtigkeit hat ebenso überlebt wie das Selbstverständnis der oberen Klassen, mit dem sie ihre Privilegien rechtfertigen. Vuillard setzt dieser außergewöhnlichen historischen Figur ein fulminantes literarisches Denkmal und beweist mit seiner temporeichen Schilderung der Aufstände, dass Müntzers Kampf nicht zu Ende, die Wut der Armen nicht erloschen und die in der Gesellschaft tief verwurzelte Ungerechtigkeit noch lange nicht beseitigt ist. (Verlag Matthes & Seitz)

„Der Krieg der Armen“ ist historisch, ohne ein Historienroman zu sein, es ist ein sehr moderner Text und seltsamerweise auch eine sehr moderne Geschichte. Ein Kampf der Unterdrückten.

Éric Vuillard (*1968) ist Schriftsteller und Regisseur und hat wohl ein eigenes Genre damit begründet, in dem er Geschichte neu und komprimiert erzählt. Das ist spannend und macht Lust auf mehr – z.B. „14. Juli“ oder „Traurigkeit der Erde – Eine Geschichte von Buffalo Bill Cody“…

„Der Krieg der Armen“ von Éric Vuillard, Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2020, ISBN: 978-3-95757-837-2 (Werbung) 

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich Verlag Matthes & Seitz Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Theres Essmann – Federico Temperini

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