Lukas Hartmann – Schattentanz.

Der Schweizer Maler Louis Soutter, dessen Bilder immer noch verstören und irritieren, gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der „Art Brut“ – es sind vor allem seine späten Werke, die sich ins Auge des Betrachters einbrennen und lange nachhallen. In seinem Roman „Schattentanz“ versucht Lukas Hartmann das Leben des Exzentrikers mit all seinen Facetten einzufangen…

Aus verschiedenen Perspektiven zeichnet der Autor das Leben des Malers und Musikers, der ein grosses Werk hinterliess – wie viel davon Fiktion oder Wahrheit ist, bleibt dem Leser überlassen, Hartmann schafft es jedoch vom ersten Kapital an, den Leser in dieses anstrengende Leben hineinzuziehen. Bereits bei seinem Roman „Der Sänger“, über den letzten Lebensabschnitt des grossen Tenors Joseph Schmidt, ist ihm dies virtuos gelungen, so auch hier.

Heute hängen seine Bilder in Museen, Ausstellungen werden ihm gewidmet. Doch der Schweizer Künstler Louis Soutter (1871–1942) führte ein Außenseiterleben, am Rande nicht nur der Kunstwelt, sondern der Gesellschaft. Lukas Hartmann spürt in Schattentanz den Wegen dieses Getriebenen nach, der zwischen der Musik und der Malerei irrlichterte, der in eine unglückliche Ehe mit einer reichen Amerikanerin taumelte und den Großteil seines malerischen Werks als entmündigter Insasse eines Heims schuf, von allen verkannt außer seinem berühmten Cousin Le Corbusier. Das eindringliche Porträt eines radikalen Künstlers, der in äußeren Fesseln zu innerer Freiheit fand. (Diogenes Verlag)

Louis Sutters Kunst und Leben machte ihn zu seiner Zeit zum Outsider, zu einem Menschen, der sich nicht in die gewünschten Normen pressen lies. Sprachlich dicht und in vielen Farben erzählt der Autor davon, über die Umstände, die Herkunft – nach und nach erschliesst sich so dem Leser, wie Soutter zu diesem Menschen werden konnte, ja werden musste, wie sehr ihn seine Familie, seine Mutter geprägt hat – nach und nach versteht man diese ausweglose Flucht aus einem Leben, in das er sich nicht einfügen konnte, nicht wollte. Doch es gab auch Zeit seines Lebens Förderer, Menschen die an ihn und seine Kunst glaubten, sei es sein Cousin Le Corbusier oder sein ehemaliger Mentor und Lehrer, der grosse Geiger und Dirigent Eugène Isaÿe bei dem er Musik studierte und mit dem er im Alter noch eine sehr berührende Begegnung hat. Hartmanns Episodenroman schafft es, dieses vielschichtige, auf seine Art und Weise schillernde, Leben Soutters nachzuzeichnen – die politischen Verhältnisse, das Erstarken des Faschismus, wie auch etwa die Verehrung Mussolinis und Hitler von Le Corbusier sind latent vorhanden, prägen den Maler ebenso, wie die ihn zeitlebens umgebenden starken Frauenfiguren – etwa seine Mutter oder seine Frau Madge Fursman, mit der er kurze Zeit verheiratet war und in den USA lebte. Hartmanns Roman macht grosse Lust, sich intensiver mit dieser Biographie und vor allem dem spannenden Werk Louis Soutters zu beschäftigen. Empfehlenswert ist unbedingt ein Besuch in der „Collection de l’Art Brut“ in Lausanne. Am 4. Juni 2021 ist Soutters 150. Geburtstag – sein Werk ist heute immer noch spannend und faszinierend.

„Schattentanz“ von Lukas Hartmann, Diogenes Verlag, 2021, ISBN: 978-3-257-07109-2 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Diogenes Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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