Helen Weinzweig – Von Hand zu Hand.

Dem Verlag Klaus Wagenbach ist es zu verdanken, dass nun endlich Helen Weinzweigs köstliche Gesellschaftssatire „Von Hand zu Hand“ auf deutsch erhältlich ist. Im Original erschien es bereits 1973 unter dem Titel „Passing Ceremony“.

Um einen Roman handelt es sich nicht, vielmehr ist es eine Aneinanderreihung skurriler, satirischer Episoden und Fragmente, Momentaufnahmen und Szenen der diversen Hochzeitsgäste einer schrägen Feier. James Polk erhielt 1971 von Helen Weinzweig das Manuskript mit der Empfehlung, sämtliche Blätter in die Luft zu werfen und in dieser beliebigen Reihenfolge zu drucken (schreibt er im sehr ausführlichen und äusserst lesenswerten Nachwort) und so ist auch der Leseeindruck zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Lässt man sich aber darauf ein, ist es ein äusserst amüsantes Lesevergnügen…

Die Upper Class von Toronto versammelt sich zu einer kuriosen Hochzeit. Wie in einem Brennglas leuchten die verschlungenen Lebensgeschichten der Partygäste auf – und ihr Beziehungsgeflecht, das einem Spinnennetz ähnelt. Vieles an dieser Hochzeit ist ungewöhnlich. Das Brautpaar trägt denselben Haarschnitt und Anzug. Der Bräutigam ist schwul, die Braut promiskuitiv, der Pfarrer unecht, der Trauzeuge sturzbetrunken, die jeweiligen Ex- beziehungsweise aktuellen Lover sind anwesend, und bei der Aufforderung zum Einspruch verlassen einige Gäste die Kirche. Die geladenen Frauen sind mehrheitlich wütend, frustriert von schlechtem Sex, unzurechnungsfähigen Männern und zu vielen Abtreibungen. Das frisch getraute Paar stiehlt sich davon, um lieber im Auto Fast Food zu essen. Bei der heimlichen Rückkehr ist die Hochzeitssuite indes schon vergeben. »Ready? Ready.« Denn für diese beiden ist die Hochzeit nicht das Ende, sondern der Anfang ihrer Freiheit. (Wagenbach Verlag)

Es geht um Sex und Promiskuität, schwules Leben und Ausschweifungen jeglicher Art. Kurzum eine groteske Schilderung dieses Upper Class – Events in Toronto: man hört einzelne Stimmen, aber es gibt auch kommentierende Absätze ganz nach dem Vorbild des antiken Chores und herrlich-bissige Dialoge („Jetzt bin ich mir sicher, dass Sie Psychiaterin sind. Sie haben keine Phantasie“). Vieles wird nur angedeutet und angerissen, bleibt aber nebulös und der Phantasie des Lesers überlassen. Ein interessantes Gesellschaftspanorama in ungewöhnlicher Form. Erfreulich, dass dies nun auch hierzulande erhältlich ist…

„Von Hand zu Hand“ von Helen Weinzweig, 2020, Wagenbach Verlag, ISBN 978-3-8031-3328-1 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Wagenbach Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

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Petros Markaris – Zeiten der Heuchelei

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