Zora del Buono – Die Marschallin.

Zora del Buonos Roman „Die Marschallin“ ist nun bei Diogenes als Taschenbuch erschienen. Die Lektüre lohnt sich, erhält man doch auf unterhaltsame Weise interessante Einblicke in politische Verhältnisse des letzten Jahrhunderts im Süden Europas..

Die Autorin des Romans Zora del Buono, 1962 in Zürich geboren, studierte Architektur an der ETH Zürich und arbeitete mehrere Jahre als Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Sie war Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift ›mare‹. Neben Romanen und einer Novelle veröffentlichte sie 2015 bei Matthes & Seitz auch ein Buch über Bäume. Zora del Buono lebt in Berlin und Zürich. Der Roman ist sehr persönlich und doch ist er es auch wieder nicht, denn selbst wenn er stellenweise sehr biographisch klingt, ist die ganze Handlung wie aus grosser Distanz beobachtet – erst wenn die „Marschallin“ selbst erzählt und monologisiert, nimmt er eine Wendung und gelangt zu dieser Qualität in den Beschreibungen, wie es im letzten Jahrhundert war, mit all den interessanten Figuren und Begebenheiten. Im Grunde bewegt er dann am meisten, wenn aus Sicht der alten Zora Del Buono (mit grossem D) eine Rückblende auf die vielen unterschiedlichen Personen erfolgt und was bei allen Protagonisten am 24. Juli 1948 geschah. Mit einem Schlag sieht man diese Häufung an Unfalltoden, familiären Tragödien und schweren Schicksalen.

Die Slowenin Zora lernt ihren Ehemann, den Arzt Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie in einer eleganten Villa ein großbürgerliches Leben führen und sich zugleich als überzeugte Kommunisten im Widerstand gegen den Faschismus Mussolinis engagieren. Zora – herrisch, klug und temperamentvoll – will mehr sein, als sie es in ihrer Zeit kann, und drückt ihrer Familie über Generationen ihren Stempel auf. (Diogenes Verlag)

Die Heldin Zora Del Buono – Grossmutter väterlicherseits der Autorin – ist zusammen mit ihrem Mann und seiner grossen Radiologen-Praxis ein illustres Paar in Süditalien, man spürt förmlich das grossbürgerliche Leben mit (geheimen) Patienten wie den „Marschall“ Josip Broz Tito, den diktatorischen Staatspräsidenten Jugoslawiens, der im ganzen Roman omnipräsent ist. Grossbürgertum und glühend heisse Verehrung für den Kommunismus schliesst sich offenbar nicht aus und so versucht man Mussolinis Faschismus zu bekämpfen, auszublenden. Man erfährt viel über den Krieg, über die Flucht aus Slowenien und die letzten Jahre, die Del Buono als Greisin im Altersheim im heutigen Nova Gorica (eine geteilte Stadt in Slowenien, unweit von Triest) verbrachte. Sie hatte fünf Pässe, am liebsten war ihr aber wohl der Jugoslawiens. Und Sie war wohl auch eine starke Frau, die keine Widerworte duldete und das Leben aller bestimmte. Sie war die „Maschallin“. Während der erste Teil des Romans eher die historischen Fakten erzählt, die Flucht, die Vertreibung, die Kämpfe zwischen 1914 und 1948, ist der zweite monologische Teil am Lebensende von Zora Del Buono 1980 eher literarisch und erklärt bzw. deutet ein Familiengeheimnis – eben jenes Datum des 24. Juli 1948. Die Del Buonos wurden aus der Kommunistischen Partei Italiens ausgeschlossen, man beschlagnahmte das geliebte Haus in Bari, dennoch hielt die Marschallin ein Leben lang an ihren kommunistischen Überzeugungen und ihrer Verehrung für Tito fest. Literarisch ist der Roman von wechselnder Qualität, es gibt wirklich interessante Passagen, die sich mit lange Beschreibungen abwechseln, die stellenweise an einen Schulaufsatz erinnern. Insgesamt lohnt sich aber die Lektüre, man erfährt viel über diese Zeit, viel über politische Zusammenhänge im letzten Jahrhundert.

„Die Marschallin“ von Zora del Buono, 2022 (TB), Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-24633-9  (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Diogenes Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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16 Kommentare

  1. frau frogg

    Interessante Kritik. Ich fand den Einstieg sehr handfest und für Schweizer Literatur bemerkenswert ungekünstelt. So überzeugend, dass ich das Schulaufsatzhafte komplett überlesen habe, obwohl auch ich gewisse Stellen weniger überzeugend fand. So bleibt mir das Geheimnis ein wenig zu geheimnishaft. Aber vielleicht habe ich einfach etwas überlesen.

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    1. arcimboldis_world

      Insgesamt gesehen habe ich den Roman aber sehr gerne gelesen, man erfährt doch einiges über diese Zeit, über Tito, über den italienischen Faschismus, über Mussolini und eine interessante Persönlichkeit war das allemal, findest Du nicht?

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