Joachim B. Schmidt – Tell.

Wow! Was für ein Pageturner! Was für ein atemberaubender Thriller! Man nimmt den neuen Roman von Joachim B. Schmidt zur Hand, vergisst alles um sich herum und erst nach dem letzten Kapitel legt man ihn wieder beiseite. Und denkt noch tagelang darüber nach….

Dabei war ich eher skeptisch. Nach dem wundervollen, ja bezaubernden Roman „Kalmann“ des in Island lebenden Schweizer Autors erschien mir die Ankündigung eines „Tell“-Romans ziemlich abstrus und als Schweizer hat man auch genug von Swissness-Themen – das wurde in den letzten 10 Jahren überstrapaziert – musikalisch, auf der Bühne, als Musical etc. Aber kaum aufgeschlagen, schlägt einen dieser in kurze Sequenzen unterteilte Roman, schnell geschnitten wie ein Action-Film, in seinen Bann. Man muss es einfach sagen: Man kann nicht aufhören…

Wilhelm Tell – ein Wilderer und Familienvater, ein Eigenbrötler und notorischer Querulant; ein Antiheld, einer, der überhaupt kein Held sein will, der eigentlich nur seine Ruhe, genug zu essen und seinen Leiterwagen haben will. Und eine Kuh verkaufen. Immer näher kommen ihm die verschiedenen Stimmen und erkunden, wie eine einzige Gewalttat größere und größere Kreise zieht. Schmidt bringt uns die Figuren des Mythos nahe und erzählt eine unerhört spannende Geschichte – auch für diejenigen, die noch nie etwas von Wilhelm Tell gehört haben. (Diogenes Verlag)

Es ist die Konstruktion des Romans, die ihn so lesenswert macht und auch das Tempo erzeugt – zwanzig Ich-Erzähler treiben die Handlung voran, neben Wilhelm Tell als Hauptfigur sind das seine Familie (allen voran (Stief)Sohn Walter und Frau Hedwig, Mutter und Schwiegermutter mit denen er zusammen den Tell-Hof betreibt) sowie Vater Taufer, mit dem ihn gemeinsame traumatische Kindheitserinnerungen verbinden – ein sehr interessanter Aspekt! Die Gegenseite natürlich mit dem habsburgischen Landvogt Gessler und seinen Mannen, allen voran als Schurke und Strippenzieher: Harras, ein absoluter Kotzbrocken. Sämtliche Figuren sind lebensecht und glaubhaft gezeichnet. Die Existenz des Schweizer Volkshelden Wilhelm Tell ist historisch nicht belegt, aber vor allem von konservativen Kreisen als zentrale Identifikationsfigur immer ein willkommenes Thema und gerne zitiert. Und wer kennt sie nicht, die Geschichte, in der Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiessen muss, weil er den Gruss verweigert. Von Schiller über Rossini, Hodler bis hin zu Max Frisch – das Thema, der Mythos hat sämtliche Kunstgattungen zu einer Darstellung inspiriert und ein Ende ist nicht abzusehen. Nun aber ein wirklich lesenswerter „Blockbuster-Tell“ von Joachim B. Schmidt, der es in sich hat und den man unbedingt lesen sollte, auch wenn es zum Schluss dann doch ein klein wenig in Kitsch und Sentimentalität abgleitet, das kann man dem Autor getrost verzeihen, denn ansonsten gibt es für diesen neuen „Tell“ die volle Punktzahl!

„Tell“ von Joachim B. Schmidt, 2022, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07200-6 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Diogenes Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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