Alain Claude Sulzer – Doppelleben.

Man fragt sich schon, warum ein Schweizer Autor sich mit dem Leben von Edmond und Jules de Goncourt beschäftigt und hierzu einen Roman veröffentlicht. Also eigentlich fragt man sich, warum sich bisher kein französischer Autor mit diesen beiden doch sehr skurrilen Brüdern beschäftigt hat. However, nun ist „Doppelleben“ im Galiani Verlag in Berlin erschienen und die Lektüre lohnt sich sehr…

Zunächst weiss man gar nicht, wieso man von Sulzers Roman gefesselt ist, denn auf den ersten Blick wirkt alles ein wenig verstaubt und wie ein Historienschinken, auch sprachlich, aber dann mag man den Roman nicht mehr weglegen und taucht ein. Und erfährt viel über die Zeit. Die beiden Brüder erbten nach dem Tod der Mutter ein nicht unbedeutendes Vermögen, gingen auf Reisen, schrieben und bewegten sich in der Pariser Literatenszene, verkehrten mit der Cousine des Kaisers (ähnlich exzentrisch wie die Brüder Goncourt!) und trafen in deren Salon viele zeitgenössische Autoren wie Emile Zola oder Gustave Flaubert. Ab 1851 führten sie gemeinsam ein Tagebuch, welches nach seiner Veröffentlichung für einen Skandal sorgte, aber wohl immer noch ein kulturhistorisches Dokument dieser Zeit ist, ebenso ihre Romane, wie beispielsweise „Germaine Lacerteux“ von 1865, in dem sie die Geschichte ihres Dienstmädchen erzählen und ihr damit nach dem Tod ein Denkmal setzten: Rose. Auch von ihr erfährt man viel in Sulzers Roman, diese Episoden tragen einen Grossteil zur Unterhaltung in „Doppelleben“ bei. In seinem Nachwort schreibt Sulzer „So, wie sich die Brüder Goncourt die Freiheit herausnahmen, das Leben ihrer Magd Rose Malingré in einem Roman nachzubilden, in dem diese den Namen Germaine Lacerteux erhielt, so habe ich mir erlaubt, einige Episoden aus dem Leben der beiden Unzertrennlichen zu einer Erzählung zu verdichten, in der nur wenig erfunden ist“. Kann ich nur sagen – vielen Dank dafür!

Der Roman nimmt uns mit zu Jules und Edmond de Goncourt, die alles teilten: das Haus, die Gedanken, die Arbeit, die Geliebte. Zu zweit gingen sie zum Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers, in Ausstellungen und zu Restaurantbesuchen mit Freunden und Bekannten. Und danach lästerten sie ab über alle, die sie getroffen hatten, im geheimen Tagebuch, das sie gemeinsam führten. Berühmt-berüchtigt waren sie für ihren Blick, dem angeblich nichts entging, und ihre spitze Feder, die alles notierte. Bis Jules unheilbar erkrankte … Und der Roman nimmt uns mit in die Gegenwelt: zu Rose, ihrer Haushälterin, die zum Hausstand gehört wie ein Möbelstück. Die unbemerkt von den Brüdern existenzielle Dramen durchlebt, sich hoffnungslos in den Falschen verliebt und von ihm schamlos ausgenutzt wird, die ein Kind austrägt, ohne dass die Brüder es bemerken, es gebiert, liebt und später auch verliert; die Trinkerin wird und ihre Dienstherrn hintergeht und bestiehlt, ohne dass diese es merken. Bis sie stirbt und den Brüdern ein Licht aufgeht. (Verlag Galiani Berlin)

Seltsam sind sie schon, die zwillingsgleich lebenden Brüder Goncourt, eigenbrötlerisch, schräg und nicht wirklich sympathisch. Dazu das Doppelleben ihrer Haushälterin – alles Stoff für einen spannenden Roman inmitten von Glanz und Elend im Paris zu Zeiten Napoleons III. Aber genau das macht das Lesevergnügen aus. Sulzers Roman bietet gute Unterhaltung, nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, bietet hier und da ein amüsantes Anekdötchen und genug dramatische Momente, die den Leser bei der Stange halten. Sprachlich ist der Roman eher einfach gehalten, fast hat man das Gefühl, er ist auch zu „früheren Zeiten“ entstanden, ihm hängt etwas Verstaubtes an, was aber wunderbar zu diesen beiden verschrobenen Brüdern passt und natürlich ist es Sulzers grosser Verdienst, dass man die Biographie der beiden Goncourt-Brüder nicht beiseite legt, sondern begierig bis zum Ende liest, fast schon, als hätte man einen Krimi, einen Pageturner aufgeschlagen. Ich habe „Doppelleben“ mit grossem Genuss gelesen. Aus dem Testament von Edmond Goncourt (der 26 Jahre nach Jules starb) entwickelte sich später eine Stiftung, ein Literaturpreis, der heutige PRIX GONCOURT, den wohl jeder kennt und der wohl der begehrteste Literaturpreis Frankreichs ist.

„Doppelleben“ von Alain Claude Sulzer, 2022, Galiani Verlag Berlin, ISBN: 978-3-86971-249-9 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Galiani Verlag Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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