Nagano/Favorin/Forget: Messiaens „Turangalîla-Sinfonie“ – Tonhalle Zürich 17.04.2026

Eines der gewaltigsten Werke des Repertoires und deshalb eher selten in Konzerten live zu erleben: OLIVIER MESSIAENs „Turangalîla-Sinfonie» für Klavier und grosses Orchester mit Ondes Martenot. Das Werk mit seinen zehn Sätzen und riesiger Schlagwerkbesetzung dauert knapp 90 Minuten, erschlägt einen fast und rollt wie eine übergrosse Welle in den Saal. Am Pult des TONHALLE ORCHESTERS steht ein grosser Kenner dieses Werkes: KENT NAGANO…

Schon immer wollte ich Messiaens grosse Sinfonie live erleben – in Zürich gab es diese Sinfonie zuletzt 2008 in der Tonhalle zu hören, nun aber zwei Konzerte in einer Besetzung, die besser nicht sein könnte: die musikalische Leitung hat Kent Nagano, der den Komponisten sehr gut kannte und mit ihm bis zu dessen Tod 1992 befreundet war, am Klavier YURY FAVORIN, das futuristisch klingende ONDES MARTENOT spielt NATHALIE FORGET. Und alleine schon wegen dieses Instruments lohnt sich der Konzertbesuch, der Klang ist ungewöhnlich, erinnert ein wenig an den Soundtrack von Horror- und Science Fiction – Filmen und an singende Sägen – vor dem Konzert also eine Menge neugieriger und interessierter Menschen, mich eingeschlossen, an der Podiumsrampe, um dieses ungewöhnliche elektronische Instrument zu begutachten. Nathalie Forget ist eine weltweit gefragte Spezialistin für dieses Instrument, die Bandbreite des Repertoires erstreckt sich von Kompositionen Honeggers, Messiaens, Milhauds, bis hin zu zeitgenössischer Musik und Performances, aber auch in Film und Rockmusik ist Ondes Martenot (benannt nach seinem Erfinder, dem französischen Musiker und Funktechniker Maurice Martenot) zu hören.

Im Konzert ist man dann doch etwas enttäuscht, gehen diese tollen Klänge in der Wucht des riesigen Orchesters etwas unter, während man auf den technisch ausgefeilten Aufnahmen des Werks das Instrument viel präsenter in Erinnerung hat. Und das ist dann wohl auch das Hauptproblem in diesem Konzert – die Dynamik. In der Parkettmitte, eigentlich akustisch ein wunderbarer Platz, wird man fast erschlagen von dieser Wucht – kein Wunder bei so vielen Musikern auf dem Podium und wohl noch nie habe ich ein Werk mit einer derart grossen Schlaginstrumentengruppe gehört – 10 Perkussionisten, die vom türkischen Becken und den Röhrenglocken alles mögliche an Instrumentarium bedienen, inkl. Triangel, Tamburin, Tamtam, Maracas bis hin zur grossen Trommel, wow! Und Bravi!

Olivier Messiaen: Turangalîla-Sinfonie» für Klavier und grosses Orchester mit Ondes Martenot – I. Introduction – II. Chant d’Amour I – III. Turangalîla I – IV. Chant d’Amor II – V. Joie du Sang des Étoiles – VI. Jardin du Sommeil d’Amour – VII. Turangalîla II – VIII. Développement d’Amour – IX. Turangalîla III – X. Final

Mit seinen 10 Sätzen ist dieses Werk natürlich keine Sinfonie im klassischen Sinn, aber es gibt sich wiederholende Themen. „Turangalîla“ ist ein Wort aus dem Sanskrit und bezeichnet ein bestimmtes rhythmisches Muster, welches Messiaen im ersten Satz verwendet und welches sich auch wiederholt. Den fünften Satz mit seiner forcierten Dynamik und seiner kraftvollen und alles vorantreibenden Musik erschöpft mich ein wenig, besser durchatmen (und das braucht man auch!) kann man dann im sechsten Satz, der den passenden Namen „Jardin du Sommeil d’Amour“ trägt. Insgesamt ist „Turangalîla“ kein Werk, dass man einfach so dahinplätschernd hören kann, ich empfinde es als herausfordernd und ein wenig anstrengend, das lag aber wohl definitiv an der wirklich krassen Dynamik, ob die Tonhalle vielleicht zu klein ist für diese riesige Besetzung? Manche Instrumente waren für mich nie hörbar, ich hätte mir manchmal ein etwas differenzierteres Klangbild gewünscht. Wenn man bedenkt, dass es sich in diesem Werk auch um Liebe bzw. einen Zwiespalt des zwischen zwei Frauen hin- und heugerissenen strenggläubigen Messiaen und Gottes Schöpfung geht, so fehlen mir irgendwie die etwas sanften, lieblichen Momente, ist es mir grossenteils zu wuchtig, zu anstrengend, einzig YURY FAVORINS Spiel (und der sechste Satz) erlaubt manchmal ein Durchatmen und Loslassen (obwohl er überwiegend virtuose Passagen am Flügel zu meistern hat). Ein Erlebnis ist dieses Konzert dennoch, Messiaens Musik gefällt mir sehr, ich habe noch gut seine Oper „Saint François d’Assise“ am Grand Théâtre de Genève (2024, mit dem wunderbaren Robin Adams als François) in Erinnerung, was für ein ebenso grandioses Werk (gab es hier nicht auch eine Sequenz mit Ondes Martenot…)?).

Nach 90 Minuten dann die zu erwartenden Standing Ovations für alle Beteiligten. Ein etwas auslaugender, mich erschöpfender Start ins Wochenende. Ein musikalisches Erlebnis allemal.

Whats next auf meiner Konzert-Agenda? Marie Jacquot dirigiert das Tonhalle Orchester Zürich mit Werken von Thomas Adès, Beethoven, Mussorgsky.

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