Hilmar Klute – Die schweigsamen Affen der Dinge.

Den neuen Roman von Hilmar Klute nimmt man zur Hand und mag ihn gar nicht mehr weglegen. Man taucht ein in diesen interessanten Plot, der sich für mich persönlich wie eine Zeitreise in meine eigene Kindheit angefühlt hat…

Gar selten konnte ich mich mit einem Protagonisten derart identifizieren wie mit Klutes Figur Henning, der zwar regional komplett anders verortet ist, aber ansonsten seine Lebensumstände derart viel Ähnlichkeit mit meinem Leben aufweisen, dass es mir bei der Lektüre fast unheimlich vorkam. Unabhängig von dieser persönlichen Erfahrung, ist die Geschichte klug konstruiert und derart lebensnah und glaubhaft erzählt, dass man sich dem nicht entziehen kann.

Henning hat es geschafft – als Arbeiterkind im grauen Ruhrgebiet der 70er Jahre aufgewachsen, hat er sich früh für Literatur begeistert, erfolgreich studiert, ist nach Berlin gezogen und hat sich als Journalist und Literaturkenner in den Kreisen der Bohème und der Gebildeten einen Namen gemacht. Seine Herkunft bleibt ein Makel, den es zu überdecken gilt. Als sein Vater Walter an den Folgen einer Krebserkrankung stirbt, spürt Henning keine Trauer: Das Verhältnis der beiden war distanziert, der eigene Vater war für ihn ein Fremder ohne jegliche Ambitionen, die einengenden Grenzen der Arbeiterschicht und des Ruhrgebiets aufzubrechen. Auf der Beerdigung in Recklinghausen sieht Henning Jochen wieder, einen alten Jugendfreund des Vaters. Dieser erzählt ihm von der ersten weiten Reise der beiden: als Neunzehnjährige mit dem Moped durch Korsika. Walter schien damals ein anderer Mensch gewesen zu sein: lebenshungrig, voller Pläne und Träume.Statt seinen Aufsatz über Oskar Loerke zu Ende zu schreiben, beschließt Henning, diese Reise mit Jochen zu wiederholen, und muss feststellen, dass seine Vorstellung vom anspruchslosen, stumpfen Vater nicht ganz der Wahrheit entspricht … (Galiani Verlag Berlin)

Neben diesem Eintauchen in frühere, biedere Zeiten ist es wohl auch die Präsenz des deutschen Dichters Oskar Loerkes, von dem die meisten wohl vorher noch nie gehört haben, man sich aber bei der Lektüre des Romans zwangsläufig mit ihm beschäftigt und auch mal etwas ausgiebiger zu ihm recherchiert. Und es sind die lebensnah gezeichneten Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, denen man ihre Motivationen abnimmt und glaubt. Schauplätze, Personen, Handlungen – alles wirkt lebensnah, plastisch, klar. So ging es mir auch bereits bei Klutes Roman „Oberkampf“, den ich sehr empfehlen kann. Auch bei „Die schweigsamen Affen der Dinge“ gibt es noch einen überraschenden finalen Twist, der sich rückblickend sehr wohl abzeichnet, zuletzt aber doch überrascht. Klute schreibt unprätentiös und klar, schweift nie ab und wenn doch, dann in höchstinteressante Anekdötchen. Das macht seinen neuen Roman so lesenswert. Wenn ich über Bücher, über Literatur schreibe, versuche ich das jeweils so neutral und distanziert wie möglich zu tun. Bei „Die schweigsamen Affen der Dinge“ war mir das nicht möglich, da dieser Roman mich persönlich sehr berührt hat, ich mich und meine Herkunft in so vielen Momenten wiedererkannt habe. Ein höchst interessantes Leseerlebnis.

„Die schweigsamen Affen der Dinge“ von Hilmar Klute, 2022, Galiani Verlag Berlin, ISBN: 978-3-86971-247-5 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Galiani Verlag Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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8 Kommentare

  1. Alexander Carmele

    Ich bin schon mehrmals über dieses Buch gestolpert, auch wegen des seltsamen Titels. Nun befürchte ich fast, ich sollte es nochmals zur Hand nehmen, wenn es dich so bewegt hat. Ich bin neugierig geworden! Einen schönen Samstagmorgen. Hier stürmt es, aber der Espresso bereinigt das Gemüt 🙂

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    1. arcimboldis_world

      Hello aus Zürich! Mir hat eben „Oberkampf“ total gut gefallen, deshalb wollte ich das neue unbedingt lesen. Ehrlich gesagt, hatte ich es auch zweimal zur Hand genommen und wieder beiseite gelegt. Aber vor ein paar Tagen eben wieder. Manchmal ist das eben so bei Büchern (und manchmal liegen sie auch über Jahre hinweg, bevor sie gelesen werden, das ist aber auch gut so, jedes Buch zu seiner Zeit). Es hat mir einfach deswegen so gut gefallen, weil ich so viele Parallelen zu meinem Leben gesehen habe, das war mir teils schon spooky, eben auch viele kleine Details. Und dann mochte ich es gar nicht mehr beiseite legen. Als würde ich etwas übe mich lesen. Das heisst ja nicht, dass es anderen Lesern ebenso geht (wohl eher unwahrscheinlich). Aber ich mag auch seine Schreibe sehr. Hier in Zürich, heute nicht mehr so heiss, aber wir warten immer noch auf ein erlösendes Gewitter!

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