Liao Yiwu – Wuhan.

Der neue Roman des chinesischen Autors Liao Yiwu ist ein aufwühlendes, emotionales, aber auch stellenweise amüsant zu lesendes Dokument Zeitgeschichte – es geht um den Ausbruch des Corona-Virus in Wuhan…

In „Wuhan“ spürt man förmlich die Wut des Autors über seine Heimat China, in der seine Bücher verboten sind. Seit seiner Flucht 2011 lebt er im Exil in Berlin und wurde 2012 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Dieser neue Dokumentaroman ist im Grunde seine persönliche Gegendarstellung zu Chinas Erzählweise des Corona-Virus-Ausbruchs 2019 in der Stadt Wuhan. Es geht um Vertuschung und die Allmacht des Staatsapparates, aber auch den Umgang des Volkes mit dieser Situation.

Gleich nach dem Ausbruch des Corona-Virus reist der Bürgerjournalist Li in das Epizentrum der Katastrophe. »Weil er keine Angst vor Gespenstern hat«, so die Stellenanzeige, findet er einen Job im Krematorium. Schnell begreift er, dass die offiziellen Opferzahlen nicht stimmen. Doch der kurze Augenblick, in dem er glaubt, die Wahrheit sagen zu dürfen, vergeht über Nacht: Er wird entdeckt, verfolgt und dokumentiert im Internet live, wie er brutal verhaftet wird. (S. Fischer Verlag)

Liao Yiwu verbindet in diesem Roman Fakten und Fiktion, der Leser kann sich selbst überlegen, was davon er nun glauben will und soll. Gleichzeitig ist es eine böse Posse, eine wohl sehr reale Schilderung von Chinas Alltag, alles überwacht durch den Staat, die Partei und „Papa Xi“ (der Spitzname von Xi Jinping). „Wuhan“ liest sich nicht einfach so weg, das liegt an der Erzählweise, einer Mischung aus Chatprotokollen und Dokumentarroman, wie das ganze auch betitelt ist. Gleichzeitig ist es eine Recherche, eine Spurensuche mit Originalstimmen. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund und zeigt gnadenlos dieses kranke System. Stellenweise ein wenig trocken, insgesamt jedoch interessant, grotesk, stellenweise schräg, vielschichtig – lesenswert!

„Wuhan“ von Liao Yiwu, 2022, S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397105-7 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim S. Fischer Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Joachim B. Schmidt – Tell

Patricia Highsmith – Tage- und Notizbücher

Lukas Hartmann – Ein passender Mieter

Édouard Louis – Die Freiheit einer Frau

Susanne Widmann – Cranko, Haydée – und ich, George Bailey

Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland

Alex Ross – Die Welt nach Wagner

Mieko Kawakami – Heaven

Colm Tóibín – Der Zauberer

21 Kommentare

  1. frau frogg

    Ich hab’s auch auf die Leseliste gesetzt, spannende Einführung. Das einzige, was mir etwas zu denken gibt, ist die Mischung aus „Fakten und Fiktion“, aber vielleicht ist das Thema nur auf diese Weise zu bewältigen.

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    1. arcimboldis_world

      Naja, es ist ein Roman, da ist Fiktion immer im Vordergrund und nicht die Fakten und das ist auch gut so. Viele Stimmen sind original und es gibt sehr viel Zitate und Querverweise und ein Glossar am Ende, das macht Sinn und ist ganz interessant. Abe es ist und bleibt einfach ein Roman, auch wenn es sich Dokumentarroman nennt. Ein gutes Zeitdokument ist es allemal und sicherlich realistischer als die chinesische Berichterstattung und Propaganda sowieso…. herzlichst aus Zürich. A

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