Was für ein Sonntagabend – in Ungarn findet die Absetzung Viktor Orbans und der langersehnte Machtwechsel statt und auf der grossen Bühne des Theater Basel die Premiere und Schweizer Erstaufführung von GYÖRGY KURTÁGs einaktiger Oper „Fin de partie“ – zwei Stunden grossartige Musik, hervorragend besetzt und musiziert, spannend umgesetzt von Regisseur DAVID MARTON und seinem Team…
Es ist nicht so einfach, Zugang zu den Werken Samuel Becketts zu finden, man muss sich darauf einlassen und akzeptieren, dass man eher Zustände und nicht zu klärende Fragen, weniger Dramatik zu sehen bekommt. Das ist nicht jedermanns Sache, nun kommt jedoch mit der Musik Kurtágs eine weitere Dimension hinzu, die noch etwas tiefer einsteigt und viel vom Innenleben der Protagonisten zeigt, dieses nach aussen stülpt, somit erfahrbarer macht. Leichte Kost ist „Fin de Partie“ dennoch nicht, aber wenn man sich darauf einlässt, sich ganz dem Werk und dieser Musik hingibt, offen bleibt, ist es eine wirklich grossartige und packende Erfahrung und ein Blick in die Abgründe, aber auch absurde Komik der agierenden Figuren. Kurtág, der im Februar seinen 100. Geburtstag feierte, begann erst mit 85 Jahren diese Komposition, arbeitete mehrere Jahre daran, ursprünglich von Perreira in Auftrag gegeben und letztlich 2018 an der Mailänder Scala uraufgeführt, mittlerweile an mehreren Häuser gespielt und nun also in Basel im grossen Haus zu sehen. Im Grunde genommen geht es in „Fin de Partie“ um Abhängigkeiten, hier vor allem um die Abhängigkeit zwischen Clov und Hamm, sie bilden den Mittelpunkt, das Zentrum des Stücks sowie die Frage nach dem Ende, das Warten auf den Tod, diese Unausweichlichkeit des Lebens, die Gefühle hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem Tod und gleichzeitig einem Herbeisehnen des Endes. Die Zeit bis dahin vertreibt man sich mit Geplänkel, mit Sinnlosigkeiten, mit Absurditäten – typisch Beckett eben. Regisseur David Martons Fokus ist der Blick auf die Familienkonstellation und er verlegt die knapp zwei Stunden dauernde Handlung auf das Dach eines Hauses (Bühne und Kostüme: MÁRTON ÁGH), verzichtet auf die eigentlich von Beckett vorgeschriebene klaustrophobische Enge, gibt seinen Protagonisten Raum, Luft, Weitblick und die Möglichkeit des Entsorgens, des sich fallen lassens – das ist absolut stimmig und schlüssig, man stellt dies keine Sekunde in Frage. Die Protagonisten bewegen sich in einer Freiheit, sind gleichzeitig durch den Raum in ihrer Beweglichkeit begrenzt, die Zeit zieht dahin, wie die Vögel, die permanent den Backdrop mit der projizierten Silhouette einer (irgendwie toten) Stadt überfliegen, zuletzt wie im Strudel in den Himmel gesaugt werden, ist das die Erlösung? Nein, es gibt keine Erlösung aus diesem Dilemma des Wartens, denn alles wiederholt sich, immer wieder, immerfort und so ist es nur konsequent, dass zuletzt ein Kind die Bühne betritt, – dann, wenn Hamm bereits wieder unter den Kleidungsstücken (aus denen er zu Beginn aufgetaucht ist) verschwunden ist – und alles beginnt von vorne, das ist „the circle of life“: Anfang, Ende, Neubeginn. Es gibt kein Entrinnen. Das ist ein starker Moment, denn es ist auch das Prinzip Hoffnung. Die Apokalypse ist in dieser Lesart wohl eher ein Zustand der sich auflösenden Familienkonstellation. Die Protagonisten bewegen sich zwar, aber es herrscht Stillstand in dieser Gruppe, man blickt zurück (etwa mit einer Diashow aus längst vergangenen Zeiten…), nicht nach vorne. Einzig Nell verlässt selbstbewusst die Szene, entflieht dieser Situation, sie springt ins Meer und scheidet vorzeitig aus diesem „Endspiel“ aus. Und musikalisch? Es ist erstaunlich, wie vermeintlich die Musik beim ersten Hören dahinplätschert, dabei gibt so viele subtile Momente und immer wieder: Stille. Ich finde es sehr interessant, dass bei diesem relativ gross besetzten Orchester nur äusserst selten mehrere Instrumente gleichzeitig spielen (ein tutti gibt es wohl gar nicht?), häufig ist es eine Collage verschiedener Klänge, immer wieder einzelne, dramaturgisch gut gesetzte Akzente, weniger ein Zusammenspiel. Überhaupt sind es die vielen Pausen, die mehr aussagen, als das, was wir zu hören bekommen. Die Partitur ist unglaublich farbenreich und subtil und ich muss zugeben, dass ich in der Vorbereitung zu Hause, beim Hören verschiedener Aufnahmen nicht so viel damit anfangen konnte, jedoch zusammen mit dem Bühnengeschehen, ergibt sich für mich ein derart komplexes und stimmiges Gesamtbild, dass tief einfährt und mich sehr berührt. Unter der musikalischen Leitung von GÁBOR KÁLI spielt das SINFONIEORCHESTER BASEL absolut konzentriert und fokussiert diese manchmal so minimalistisch erscheinende Musik, dann gibt es wieder Sequenzen, die wie ein Klangbogen, ein Gebilde angelegt sind. Das Bühnengeschehen bildet fortwährend eine Einheit mit der Musik aus dem Graben. NATHAN BERG beglückt als Hamm, lässt uns tief in sein Innerstes blicken, MICHAEL BORTH als Clov ist ständig in Bewegung, findet keine Ruhe, seine Hyperaktivität kompensiert er mit dem langsamen Auslöschen von Dingen, von Gegenständen des Lebens dieser Familie, seiner Mitmenschen, URSULA HESSE VON DEN STEINEN als Nell ist die buchstäbliche Leichtigkeit (sowohl musikalisch, als auch in ihrem Spiel) inmitten dieser dumpfen, schweren Männerriege, wie leichtfüssig sie sich durch dieses endzeitliche Leben balanciert ist fast schon bewundernswert und dann gibt es da noch RONAN CAILLET als Nagg (Nells Mann), der irgendwie viel jünger und agiler als sein Sohn Hamm daherkommt, das irritiert mich etwas. Ein wirklich hervorragend besetztes Ensemble!

Das Werk ist vielschichtig und beschäftigt mich immer noch nachhaltig, viele Dinge erschliessen sich nicht, es ist vielmehr das Grundgefühl, das mich auf diese Reise mitnimmt, sich festbeisst, mich nicht mehr loslässt. Interessant, dass man – trotz des aufreibenden nachapokalyptischen Nervenkriegs dieser Konstellation – für jeden von Ihnen Sympathie empfindet, dass sie irgendwie doch „menscheln“ – das bleibende Grundgefühl ist also erstaunlicherweise eine Zärtlichkeit, ein kleines Quäntchen Liebe hier und da, zwischen all diesen rauhen Tönen und dem Gegrummel von Hamm, der absolut im Mittelpunkt steht, omnispräsent ist und immer wieder ganz wunderbare musikalische Momente bietet. Man sollte diese Produktion von „Fin de Partie“ unbedingt gesehen haben und sicherlich macht es Sinn, sich vorab etwas damit zu beschäftigen. Zu empfehlen ist auch der Besuch der kleinen, aber feinen Ausstellung mit Skizzen, Notizen und Bildmaterial zur Entstehung des Werkes im Foyer des Theaters. Sie ist in Zusammenarbeit mit der Paul Sacher Stiftung entstanden, die seit 1991 den künstlerischen Nachlass Kurtágs archiviert. Hier kann man in den Gedankenkosmos des Komponisten eintauchen, dessen Verbindung zu Basel weit zurückreicht.
Whats next? – ich bin noch etwas unschlüssig, ob ich zur Neuproduktion von Verdis „La Forza del Destino“ (in der Regie von Julia Lwowski) nach Bern fahren soll, sonst ist schon fix die neue Produktion von Mozarts „La clemenza di Tito“ (ML: Marc Minkowski/R: Damiano Michieletto) an der Oper Zürich eingeplant.
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025
545: Die Fledermaus – Oper Zürich 10.12.2025
544: La forza del Destino – Oper Zürich 26.11.2025
543: Hänsel und Gretel – Oper Zürich 20.11.2025
542: El Barberillo de Lavapiés – Theater Basel 05.11.2025
541: Pélleas & Mélisande – Grand Théâtre de Genève 02.11.2025
540: Der Rosenkavalier – Oper Zürich 01.10.2025