Lucia di Lammermoor – Oper Zürich 22.05.2022

Lange erwartet, nun endlich – Das Hausdebüt an der Oper Zürich von LISETTE OROPESA als Lucia di Lammermoor in der Wiederaufnahme von TATJANA GÜRBACAS Inszenierung von 2021, die pandemiebedingt bisher nur für vier Vorstellungen zu sehen war. Was für ein Abend mit wohlverdienten Standing Ovations für ein hervorragendes Ensemble und eine umwerfende Lucia…

Das Leben ist ein Kreislauf, in dem sich alles immer wiederholt. So auch in den Hochmooren Schottlands bei den Ashtons und Ravenswoods, die Schauplätze des Lebens kehren immer (leicht verändert) wieder, dafür sorgt das Drehbühnen-Setting von KLAUS GRÜNBERG. Für Liebe ist – im Grunde genommen – kein Platz, denn alles ist Berechnung: Edgardo will die Familie rächen, für Ashton ist Lucias Heirat mit Arturo politisches Kalkül. Und so kommt es, wie es kommen muss, die Tragödie ist vorprogrammiert. Zu wirklichen Gefühlen ist nur Lucia fähig. Sie ist die einzige, die sich aus diesem Mühlrad befreien will und das gelingt ihr nicht, dazu sind sämtliche Protagonisten zu eingefahren in ihren Regeln und Ritualen, auf denen das Leben basiert. Daran zerbricht sie letztendlich und verfällt dem Wahnsinn. Die mit Kindern gedoppelten pantomimischen Rollen von Lucia, Edgardo, Enrico und Normanno finde ich etwas überflüssig und abgenutzt, auch wenn es einiges erklärt, schlüssig ist und die Personality der Erwachsenen wohl geprägt hat. Mit der Rolle der Lucia di Lammermoor hat schon manche Sängerin ihren Ruhm begründet, mir ist noch immer meine erste Lucia mit Edita Gruberova an der Bayerischen Staatsoper in München 1994 in Erinnerung. Lisette Oropesa kommt natürlich komplett anders daher, ist eine andere Sängergeneration und passt ganz hervorragend in das eher psychologisch angelegte Regiekonzept von Gürbaca, mit BENJAMIN BERNHEIM als Edgardo an ihrer Seite kann nichts mehr schief gehen. Bernheim ist einer der Zürcher Publikumslieblinge seit Jahren (by the way, meiner auch!) und einmal mehr leuchtet sein Tenor. Die Wahnsinnsszene von Oropesa ist – wie soll es auch anders sein – natürlich das Highlight der Produktion. Man hat das Gefühl, dass sie erst in diesem Moment zu sich selbst findet und sich aus ihren gesellschaftlichen Fesseln zu lösen vermag, kennt man ja in der Oper – der Tod als Erlösung. MASSIMO CAVALLETTI als Lucias Bruder Enrico klingt zu Beginn zwar so, als habe er etwas Intonationsschwierigkeiten, läuft aber im weiteren Vorstellungsverlauf zur Höchstform auf, ebenso wohlklingend und präsent: ANDREW OWENS als Arturo Bucklow, VITALIJ KOWALJOW als Raimondo, IAIN MILNE als Normanno und ROSWITHA CHRISTINA MÜLLER als Lucias Kammerdame Alisa. Der Chor, in Zürich oftmals schleppend, singt punktgenau, spielt wohltuend zurückhaltend, vor allem in den grossen Slow-Motion-Szenen ist er wirklich toll (Einstudierung: JANKO KASTELIC). Am Pult steht ANDREA SANGUINETI und lässt die Philharmonia Zürich detailreich und fast schon leichtfüssig differenziert klingen, nimmt von der Dynamik eher zurück und so bleibt es insgesamt sehr sängerfreundlich und von der oftmals so schweren Donizetti-Dramatik befreit. Es dauert etwas, bis der Schlussvorhang sich zum Applaus wieder öffnet, dann aber entlädt sich die Begeisterung mit Standing Ovations! Was für eine Vorstellung, was für eine tolle „Lucia di Lammermoor“! Bravi! Wer die Möglichkeit hat, diese Besetzung zu hören und zu sehen, sollte dies unbedingt tun!

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Arabella – Oper Zürich 15.05.2022

The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

6 Kommentare

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