Nach ihrem grossartigen Einstand zu Beginn ihrer Co-Intendanz am Schauspielhaus Zürich mit Giuseppe Tomaso di Lampedusas monumentalem Roman „Il Gattopardo“ im Schiffbau ist nun die zweite Neuproduktion von Regisseurin PINAR KARABULUT im Pfauen zu sehen: Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, an dem schon manches Regieteam gescheitert ist…
Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ – einer der meistgespieltesten Klassiker und das nicht nur im Sprechtheater, es gibt unzählige Bearbeitungen für Tanz oder Musiktheater (zuletzt gesehen die wunderbare Version Benjamin Brittens „A midsummer night’s dream“ – „Le songe d’une nuit d’été“ an der Opéra de Lausanne…). Kein Wunder – das Stück ist unterhaltsam, kunstvoll werden gleich vier Handlungsstränge miteinander verwoben, das bietet sehr viel Stoff und Möglichkeiten. Darauf verzichtet Madame Karabulut, streicht gleich zu Beginn den Athener Hof und die Hochzeit von Theseus und Hippolyta und strafft das Werk pausenlos auf eine Spieldauer von 1 h 45 min, die richtige Entscheidung wie ich finde und so gehts gleich los mit dem Casting der Handwerker für „Pyramus und Thisbe“ und überbordenden spielfreudigen Mannen, die köstliche Personenstudien zeigen und den Abend äusserst amüsant beginnen lassen: SIMON KIRSCH als Peter Squenz, FLORIAN VOIGT als Franz Flaut, ALEXANDER ANGELETTA als Thomas Schnauz, MERVAN ÜRKMEZ als Schnock, DAVID ROTHE als Robert Schlucker und HENRI MERTENS als – zum Schreien schamlos überzogene Karikatur – Klaus Zettel. Man verwendet die Namen aus der althergebrachten Schlegel/Tieck-Übersetzung, aber damit hat es sich auch schon, denn textlich spielt man hier eine bunte, lebensnahe Melange aus vermeintlichem Versmass und Alltagssprache, das finde ich super, gibt es dem ganzen doch sehr viel Authentizität und Lebensnähe. Hier merkt man – als Theatermacher:in kann man auch über sich selbst und über den Theateralltag lachen. Spannend finde ich die Besetzung der beiden Liebespaare mit „Best Agern“, keine jugendlich überbordend Verliebten, stattdessen vier Menschen, die ihre Erfahrungen bereits gemacht haben und wohl auf einen neuen (und gemütlich-glücklichen letzten) Lebensabschnitt hoffen, das ist eine neue Dimension, die für mich absolut stimmt (und es ist mir total egal, ob das nun dramaturgisch mit der Vorgeschichte einhergeht oder nicht). YVON JANSEN als Helena, PETER KNAAK als Demetrius, HILKE ALTEFROHNE (herrlich schnippisch!) und MIKE MÜLLER als Lysander irren liebestrunken mit immer wieder extrem komischer und auf jede Kleinigkeit reagierende Mimik durch den nebelumwabernden Wald (Bühne: MICHELA FLÜCK). Ein wenig bilden diese vier Suchenden den Ruhepol in diesem sonst stellenweise hysterischen Gewusel von Elfen und Handwerkern. Bei Mike Müller fragt man sich immer, ob er sich selbst spielt oder eben privat auf der Bühne herumgeistert (analog dem bayrischen Original Gerhardt Polt), das ist aber nicht weiter schlimm, denn was er spielt (oder eben einfach nur ist) ist wunderbar und passt. Es gibt unzählige köstliche Regie-Einfälle und Momente und natürlich den für Karabulut so typischen immer wieder durchbrechenden popkulturellen Ansatz, etwa wenn plötzlich die Szene bricht und das komplette Ensemble in eine basslastige wummernde Choreografie von Lady Gagas „Abracadabra“ ausbricht – das ist herrlich, I love it! Fast will man aufstehen und tanzen! Oder das kurze musikalische Zitat von 10cc „I am not in Love“. Wunderbar auch das orgiastische Geficke von Henri Martens Zettel – nun verwandelt mit Eselskopf – und der Elfenkönigin herself Titania (LAINA SCHWARZ). Und zwischen all diesen Irrungen und Wirrungen geistern noch Oberon (LORENA HANDSCHIN) und LUKAS DARNSTÄDT als Elfe in den ganz eigentümlichen, aber schönen Kostümen von TERESA VERGHO durch diese manchmal etwas exzentrischen Szenen, klar kann man das genau so machen, muss man auch nicht unbedingt mögen, ich finde es (und darüber bin ich selbst ganz überrascht) herrlich und äusserst amüsant. Die Krönung des Ganzen bildet für mich dann aber der Schluss, wenn die beiden Paare, die sich nun endlich gefunden haben und irgendwie erschöpft wirkend an den Portalen sitzen, um dem vertanzten Schauspiel der Handwerker folgen – das ist so toll, diese Mischung aus esoterischer Eurythmie und old-fashioned Tanztheater in langen schwarzen Martha-Graham-Kleidern, in einer Ernsthaftigkeit (es wird gefühlt und gespürt!), dass man es fast nicht aushält und doch weiterhin fasziniert davon auf die Bühne starrt.

Und dann ist dieser Abend auch schon vorbei und hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie irrational die Liebe ist, egal ob manipuliert oder nicht, alles geht seinen Gang, es kommt, wie es kommt – und ich bin irgendwie glücklich, weil dann das letzte Wort eben doch noch Puck (LENA SCHWARZ) hat, der in dieser Inszenierung erstaunlich wenig Präsenz zeigen muss, aber dennoch die Strippen zieht, ich hatte schon befürchtet, dass uns niemand eine gute Nacht wünscht.
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S’isch guat gsi …
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