Hiromi Ito – Dornauszieher.

Sehr speziell, aber auch etwas ganz Besonderes ist der bereits vor vielen Jahren in Japan erschienene Roman „Dornauszieher“ von Hiromi Ito. Nun liegt er seit Herbst 2021 auf deutsch in einer hervorragenden Übersetzung von Irmela Hijiya-Kirschnereit bei Matthes & Seitz vor…

Zu Beginn muss man sich darauf einlassen (können), aber dann wird man ihn sehr mögen, diesen Roman mit seinem ganz eigenen, vom mündlichen Erzählen geprägten Ton, der stark autobiographisch ist. Ito, 1955 in Tokyo geboren, lebt seit 1997 in den USA, pendelt selbst zwischen den Kontinenten und weiss somit, wovon sie spricht. Da ist zum einen der familiäre Alltag, die Mutter die gepflegt werden muss, der eigene Mann mit seinen Ansprüchen, die Töchter mit ihren Wünschen und Problemchen, zum anderen ist da aber auch eine uns Europäern fremde Welt mit ihren Legenden, Göttern und Ritualen. Toll, wie Ito diese beiden Welten miteinander verschneidet und gegenüberstellt – Ost und West, männlich und weiblich, Lyrik und Prosa, Realität und Surrealismus.

Da ist der kränkelnde, dreißig Jahre ältere Ehemann, ein jüdischer Künstler, da sind die drei Töchter mit Essstörungen und Pubertätssorgen, die kranken Eltern, und das Ganze im ständigen Hin und Her zwischen Kalifornien und Japan, wo die Autorin eine berühmte Dichterin ist. Der Alltag einer Frau, die alle Mühe hat, ihre Rollen als einzige Tochter, als Ehefrau und Mutter, als Schriftstellerin und als Intellektuelle auszubalancieren. Ein Leben voller Energie und Nachdenklichkeit, ein Leben zwischen den Kulturen, Generationen, dem vertrauten Gestern und dem lebendigen Heute. (Verlag Matthes & Seitz Berlin)

Fast schon poetische Natur-Beschreibungen wechseln sich ab mit dem Leben im Krankenhaus, auf Pflegestationen und dem alltäglichen Wahnsinn, der zwar komplett unterschiedlich in seinen Ausprägungen existiert, sich aber manchmal gar nicht so weit voneinander unterscheidet – egal ob man nun in den USA oder in Japan lebt. Und dennoch trennen Welten die beiden Kulturen und machen das Leben nicht leichter. Die Protagonistin ist hin- und hergerissen, die hinzukommenden Eheprobleme machen die Situation nicht einfacher, werden von Ito aber auch nicht erläutert, sondern in sehr schöner bildhafter Sprache angedeutet und umschrieben (die offenbaren Verfehlungen ihres Mannes etwa als eine nicht heilende, schwärende Wunde am Bein). Lässt man sich erst einmal auf diese Art der Literatur von Hiromi Ito ein, ist man sehr begeistert von der Schönheit dieses Textes, dieser Collage und kann sich der Sogwirkung nicht mehr entziehen. Und dank einem umfassenden Glossar am Ende des Romanes lernt man viel über japanische Geschichte, Götter, Rituale. Sehr lesenswert ist auch der Anhang, in dem die Übersetzerin von der Herausforderung bei diesem Text berichtet. Hiromi Ito, eine der wichtigsten Autorinnen Japans wurde für diesen Roman mit zwei wichtigen Preisen ausgezeichnet, einem für Lyrik und einem für erzählende Literatur – das sagt bereits alles über diesen die Gattungsgrenzen sprengenden Roman, der in Japan bereits 2007 publiziert wurde. Eine lohnenswerte Entdeckung.

„Dornauszieher“ von Hiromi Ito, 2021, Verlag Matthes & Seitz Berlin, ISBN: 978-3-7518-0034-1 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Matthes & Seitz Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Yara Nakahanda Monteiro – Schwerkraft der Tränen

Jonathan Lee – Der grosse Fehler

Simone Lappert – längst fällige verwilderung

Nino Haratischwili – Das mangelnde Licht

Leïla Slimani – Der Duft der Blumen bei Nacht

Kathrin Niemela – wenn ich asche bin, lerne ich kanji 

Liao Yiwu – Wuhan

Joachim B. Schmidt – Tell

Patricia Highsmith – Tage- und Notizbücher

13 Kommentare

      1. Alexander Carmele

        Ich hab’s mir auf die Leseliste gepackt. Ich denke, ich lese es physisch und nicht digital. Es scheint mir eines von diesen Büchern zu sein, die ich gern im Regal sehe.

        Gefällt mir

    1. arcimboldis

      Der „Dornauszieher“ ist wohl der landläufige Name für eine japanische Gottheit (der Dornauszieher-Jizo von Sugamo), die man gerne um Hilfe (für alles mögliche) anruft bzw zu ihr betet bzw. ihr Opfergaben bringt, damit er eben die „Dornen“ zieht…. finde ich spannend. Und ein schönes Bild.

      Gefällt mir

Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s