Lukas Hartmann – Ein passender Mieter.

Hartmanns Roman „Ein passender Mieter“ von 2016 ist anfangs gewöhnungsbedürftig, etwas spröde und sicherlich nicht sein bester, aber die Lektüre lohnt sich dennoch…

Es ist zunächst etwas unausgegoren, wenn man das Buch zur Hand nimmt und aufgrund des Klappentextes erwartet man wohl etwas anderes. Vielleicht liegt es daran, dass die Ankündigung ein wenig reisserisch formuliert, der Roman selbst dann aber eher still und leise ist.

Als ihr Sohn Sebastian auszieht, bleiben Margret und Gerhard Sandmaier allein zurück. Besonders Margret leidet unter der Leere im Haus. Gerhard hat seinen Beruf als Geschichtsprofessor, aber Margrets Teilzeitjob in der Buchhandlung und die Deutschstunden, die sie Flüchtlingskindern gibt, füllen sie nicht aus. Sebastian, gerade erst flügge geworden, hält schmerzliche Distanz. Die Sandmaiers beschließen, den Anbau, in dem ihr Sohn gewohnt hat, zu vermieten. Der passende Mieter ist bald gefunden: ein junger Fahrradmechaniker, unauffällig, höflich, wortkarg. Doch als sich die Schlagzeilen über einen Messerstecher häufen, der in der Stadt sein Unwesen treibt, regt sich in Margret ein schlimmer Verdacht … (Diogenes Verlag)

Das Leben der Familie Sandmaier gerät ins Wanken, nichts ist mehr so, wie es einmal war. Vielleicht war das Leben auch nie perfekt und man hat es sich schön geredet. Im Grunde geht es darum, was ein einschneidendes Ereignis mit einem selbst und dem Umfeld macht. Der Roman ist irgendwie verstörend, er ist ein Psychogramm dieser Dreierkonstellation: Mutter, Vater, Sohn. Und er ist eine ziemlich gute Beschreibung des durchschnittlichen, eher biederen Schweizer Bildungsbürger-Familienalltags irgendwo in der Agglomeration. Die Handlung nimmt einen mit, manchmal packend, zum Schluss hin eher etwas langgezogen. Nach den beiden zuletzt gelesenen biografischen Romanen Hartmanns „Der Sänger“ (über den grossen Tenor Joseph Schmidt) und „Schattentanz“ (über den Maler Louis Soutter) – die ich beide sehr empfehlen kann – fällt „Ein passender Mieter“ etwas ab, uninteressant ist er aber keinesfalls und vielleicht ist es gerade das Spröde dieses Romans, weshalb man noch länger an diese Personen und Geschehnisse denken muss.

„Ein passender Mieter“ von Lukas Hartmann, 2016, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-24401-4 (Werbung)

Zuletzt gelesen:

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12 Kommentare

  1. Alexander Carmele

    Ich habe sehr gelacht bei „etwas reißerisch“ – der Klappentext las sich zuerst harmlos und plötzlich ging es um einen Messerstecher, der in der Stadt sein Unwesen treibt. Sehr gut. Die Rezension hat mich neugierig gemacht. Viele Grüße.

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    1. arcimboldis_world

      Ja, ich hatte wirklich etwas komplett anderes erwartet bei diesem Klappentext. Fand den Roman dann doch interessant, irgendwie beklemmend, aber doch so real und aus dem Leben gegriffen und doch bin ich – auch jetzt wieder – so hin- und hergerissen, irgendwie hat er mich doch mehr beschäftigt als ich das dachte. Ich bin gespannt, wie es Dir damit ergeht, solltest Du ihn lesen. Ich mag die Romane von Hartmann sonst ja wirklich sehr. Hm, diesen eigentlich auch. Du merkst – ich bin schwankend, hahaha…. viele Grüsse! A.

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      1. Alexander Carmele

        Ja, es gibt so seltsame Bücher, die einen weiterhin beschäftigen, die nachhallen, obwohl man nicht damit rechnet. Für mich ist „Crossroads“ von Franzen so ein Fall. Je länger die Lektüre zurückliegt, desto ergriffen bin ich, wiewohl ich direkt nach dem Beenden des Buches gelangweilt gewesen bin. Es gibt Texte, die aus der Erinnerung neue Dimensionen entfalten. Lesen ist einfach toll. Ich werde mir mal eine Leseprobe zusenden lassen! Vielleicht finde ich ja einen Zugang zu dem Text. Interessant hört es sich an.

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      2. arcimboldis_world

        Franzen mag ich auch sehr, „Crossroads“ steht auch noch auf meiner Liste bzw. liegt schon auf meinem Stapel. Ich muss sagen, bei mir kommt es in letzter Zeit immer häufiger vor, dass ich einen Roman beginne und sehr schnell merke, dass ich nicht „warm“ werde mit ihm und während ich früher versucht habe, mich durchzubeissen, habe ich jetzt dazu keine Lust mehr, weil ich denke, meine Zeit ist begrenzt und da will ich wirklich nur die Sachen lesen, die mich sofort packen. Und ich glaube, das ist die richtige Entscheidung. Also für mich zumindest. Und ich stimme Dir zu, manchmal liest man etwas und denkt, naja, ok, fertig, abgehakt, aber dann ist das so viel länger im Kopf, ja, das ist erstaunlich und toll. Herzlichst am Samstagabend! A aus Zürich.

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      3. Alexander Carmele

        Ich kann diese Haltung absolut nachvollziehen. Ich habe sogar mehr als sieben Jahre keinen einzigen Roman lesen können, weil es mich nicht gepackt hat. Deshalb bin ich auf diese etwas irrige Idee gekommen, einen Blog zu kreieren und einfach pro Woche irgendein Bestseller-Buch zu lesen. Mir hat das geholfen. So lese ich wieder Belletristik, die ich sonst nie lesen würde und entdecke viele interessante Geschichten. „Crossroads“ ist so ein Beispiel. Viel zu langatmig – aber dann, im Nachhinein, ich überlege es glatt noch einmal zu lesen – die Szenen besitzen eine eigene Erinnerungsstruktur und wie eine Sinfonie spielen sie ineinander, und ich habe beinahe das Gefühl, ich hätte die Geschehnisse in einem anderen miterlebt … verrückt. Es ist aber ganz sicher nicht ein Buch für schnell zwischendurch 😊 Viele Grüße aus Berlin!

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