Eva Menasse – Dunkelblum.

Die österreichische Autorin Eva Menasse ist eine grossartige Erzählerin – ihr neuer grosser Roman „Dunkelblum“, der jetzt erschienen ist, ist auf den ersten Blick humoristisch und amüsant, schnell stellt man jedoch fest, dass er sich tief in die braune Vergangenheit Österreichs gräbt und sehr schnell und deutlich erkennt man dann auch, welcher Nazischrecken sich hinter dem fiktiven Ort Dunkelblum eigentlich verbirgt…

Menasse, die sich schon immer politisch engagierte, erzählt von bis heute ungeklärten Verbrechen und wie ein kleiner Ort an der ungarisch-österreichischen Grenze damit umgeht, angesiedelt im späten Sommer 1989, wo bereits hinter dem Zaun die Flüchtlinge der DDR auf ihre Ausreise warten. Grundlage des Romans und der Recherchen dazu bildet das Massaker von Rechnitz, wo am 24. und 25. März 1945 vermutlich über 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden, hierzu gab es bereits einige Aufarbeitungen u.a. das Stück „Rechnitz (Der Würge-Engel)“ von Elfriede Jelinek oder Sasha Batthyanys Buch „Und was hat das mit mir zu tun?„. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden und man hat auch nicht das Gefühl, dass sich der Ort des Geschehens und das Land Österreich um eine Aufklärung bemühen, aber das ist eine andere Geschichte. Menasses Roman will historisch nicht aufklären, vielmehr stellt sie die Fragen, wie einzelne Menschen mit dem Thema Schuld umgehen und sich auch nachfolgende Generationen das Leben entsprechend einrichten. Bezeichnend hierfür ist das Zitat einer Redensart vor dem ersten Kapitel: „Die Österreicher sind ein Volk, das mit Zuversicht in die Vergangenheit blickt“.

Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der nahegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf einer Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten. In ihrem neuen Roman entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt, die immer wieder zum Schauplatz der Weltpolitik wird, und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld. »Dunkelblum« ist ein schaurig-komisches Epos über die Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, die, anders als die Erinnerung, nicht vergehen. (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Es braucht eine gewisse Zeit, bis man sich in dem Roman zurecht findet, viele Personen, Erzählebenen, Abschweifungen, die zwar sehr schön sind, aber man als Leser häufig das Gefühl hat, sich zu verlieren. Den Lokalkolorit erhält der Roman durch die unzähligen dialektgefärbten Dialoge, für die die Autorin wohl ein mehrseitiges Glossar am Ende als wichtig erachtete. Wer jemals am Land gelebt hat, der weiss, wie realistisch Menasse das Leben, die dortigen Strukturen und Machtverhältnisse sowie die üblichen Geheimniskrämereien zwischen und innerhalb von Familien, schildert. Als Leser ist man immer wieder hin- und hergerissen zwischen Faszination, Abscheu, eigenen Erinnerungen an das Landleben, manchmal macht sich auch etwas Langeweile breit, weil der Plot sich eben doch auf über 500 Seiten erstreckt. Lesenswert ist „Dunkelblum“ auf jeden Fall.

„Dunkelblum“ von Eva Menasse, 2021, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-04790-5 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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17 Kommentare

  1. Klausbernd

    Danke für die Rezension dieses interessanten, vielschichtigen Werkes, das ja bereits Dennis Scheck in seiner Sendung lobte. Uns nervte jedoch beim Lesen die Sprache, mit der wir als nicht-nativ-speaker unsere Schwierigkeit hatten. Wer möchte schon ständig an den Schluss zu dem Glossar blättern. Das gleiche Problem hatten wir schon einst mit „Bone People“ von Kerry Hume, wo die längeren Passagen in Maori am Ende übersetzt werden. Auf volkstümelndes Lokalkolorit können wir gut verzichten.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    1. arcimboldis_world

      Ich finde es schon sinnvoll, dass der Dialekt verwendet wird, das gibt dem Ganzen doch etwas Lokalkolorit und Würze, wenn man natürlich fast jedes Wort nachschlagen muss, ist das mühsam. Mit Volkstümelei hat das für mich nichts zu tun. Ich finde das authentischer….. – aber kommt natürlich auch immer darauf an, woher man kommt und wie nahe einem der Dialekt ist, ich komme ursprünglich aus Franken, ich hatte jetzt damit keine Schwierigkeiten… liebe Grüsse! A

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      1. Klausbernd

        Für uns muss Literatur nicht ein Abbild der Wirklichkeit darstellen. Immerhin ist Literatur doch Fiktion. Nur unser Master ist Deutscher, er wuchs jedoch in Schweden auf und lebte nur kurz im deutschsprachigen Bereich. Aber immerhin studierte er u.a. Germanistik. Wie du sagst, wir fanden Vieles im Buch unverständlich und mussten stets hinten nachschauen. Dina unsere Fotografin ist Norwegerin und unsere beiden Buchfeen Siri 🙂 und 🙂 Selma sind Kanadier. Wir alle können jedoch jedoch Hochdeutsch verstehen und es fließend sprechen.
        Liebe Grüße zurück vom heute erstaunlich sommerlichen Meer
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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      2. Klausbernd

        Lieber Adrian,
        wir sind früher oft in Zürich gewesen und finden Zürich sehr schön. Besonders liebten wir es, zur Weihnachtszeit in der Altstadt zu flanieren. Und gab es da nicht eine urige portugiesische Kneipe, die wir gerne besuchten?
        Liebe Grüße
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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      3. arcimboldis_world

        Hey ihr Fab Four of Clay – ja, Zürich hat wirklich eine sehr hohe Lebensqualität, ich bin ja ursprünglich Deutscher, lebe aber schon sehr lange hier und habe seit ein paar Jahren auch einen Schweizer Pass. Die Schweiz ist zu meiner Heimat geworden, in Deutschland bin ich nur noch sehr selten. Mir gefällt, dass man in der Schweiz schnell überall ist und in der Stadt Zürich kann man (fast) alles zu Fuss machen, dennoch ist es sehr international (neben Genf und Basel natürlich). Meinst Du wirklich eine portugiesische Kneipe oder eher die Bottega? Ein uriges spanisches Tapas-Lokal, das gibt es immer noch…… – hier ist jetzt der Herbst angekommen und mein täglicher Spaziergang durch den Friedhof Sihlfeld ist ein einziges Farbenmeer an bunten Blättern, herrlich ist das. Auch wenn ich eher ein Sommerkind bin. Herzlichst aus Zürich. Arian

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      4. Klausbernd

        Lieber Arian,
        du hast natürlich recht, ich meine die Bottega.
        Ich bin auch seit ewigen Zeiten nicht mehr in Deutschland gewesen. Ich kam von Montreal, wo ich viele Jahre lang lebte, in die Schweiz und ging dann nach England, wo ich jetzt schon seit einigen Jahren am Meer wohne. Von allen Plätzen, wo ich lebte, fand ich Finnland und England am angenehmsten. Die Schweiz war mir zu eng in jeder Hinsicht.
        Mit herzlichen Grüßen vom heute rauen Meer
        Klausbernd 🙂

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      5. arcimboldis_world

        Lieber Klausbernd – ja, das mit der Enge in der Schweiz kann ich nachvollziehen, das höre ich immer wieder von Schweizern. Als junger Mensch hätte ich hier auch nicht leben können/wollen, aber jetzt wo ich schon viel unterwegs war und von der Welt gesehen habe, ist es für mich absolut ok, mir fehlt es hier an nichts. Ich bin hier sogar lieber als in Deutschland, ich vermisse D überhaupt nicht und die Schweiz ist für mich mein Zuhause, meine Heimat geworden. Aber letztendlich habe ich auch durch den Job bedingt an so vielen Orten gelebt, ich habe mich überall wohl gefühlt. So etwas wie „Heimat“ als Gefühl kenne ich nicht. Ich beneide Dich jedoch sehr um das raue Meer. Das ist oft meine Sehnsucht, ich bin nicht so der Berge-Typ…. 🙂 – by the way, Du kannst mir auch gerne an arcimboldis_world@icloud.com schreiben, wenn Du möchtest. Ich grüsse Dich herzlichst von einem super sonnigen, ja goldenen Herbsttag in Zürich. Adrian

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      6. Klausbernd

        Lieber Adrian,
        wir kommen gerade von einem wunderbaren Ausflug, diesmal ins ländliche Inland zurück. Auch hier war es sonnig und relativ warm, knapp über 20 Grad C. Tja, dieses Heimatgefühl war mir so lange fremd, bis wir hierher kamen. Für uns ist das jetzt Heimat. Mit Deutschland verbindet uns gar nichts mehr außer die Sprache. Meine Frau ist Norwegerin und Siri 🙂 und 🙂 Selma auch skandinavische Feen.
        Wir grüßen dich ganz herzlich
        Klausbernd
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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  2. Matilda in der Oper

    Lieber Adrian, Eva Menasses „Dunkelblum“ höre ich gerade als Hörbuch, von der Autorin selbst gelesen. Offensichtlich hat man für die Hörversion die Sprache so geglättet, dass sich ein Nachschlagen erübrigt. Im Übrigen gefällt es mir immer, wenn Autorinnen oder Autoren selbst lesen – sofern sie darin geübt sind.

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    1. arcimboldis_world

      Liebste Matilda in der Oper – mir als geborenen Süddeutschen waren diese ganzen dialektisch gefärbten Sätze nicht fremd, ich habe das meiste schon verstanden… – ich finde es gut und wichtig, das trägt schon sehr dazu bei, diese Region etwas bunter zu sehen, findest Du nicht? Auch wenn man dann mal nachschlagen muss und – naja – beim Hörbuch kann man ja schlecht nachschlagen! Ich grüsse Dich herzlichst aus Zürich. A.

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