Girl with a pearl earring – Oper Zürich 08.05.2022

Wer kennt es nicht, Jan Vermeers Gemälde „Mädchen mit dem Perlohrring“? Spätestens seit Tracy Chevaliers Roman und der darauf basierenden Verfilmung von 2004 ist die fiktive Biografie des Hausmädchens Griet – die dafür Modell gestanden haben soll – wohl einem grossen Publikum bekannt…

Der Schweizer Komponist und Musiker STEFAN WIRTH hat für das Opernhaus Zürich als Auftragswerk eine Oper zu diesem grundsätzlich nicht uninteressanten Plot geschrieben. Der amerikanische Regisseur TED HUFFMAN (seine „Madama Butterfly“ von 2017 ist noch bestens in Erinnerung) hat diese Uraufführung in Zürich umgesetzt. Über den Maler Vermeer ist wenig bekannt und auch auf der Bühne bleibt er als Figur ein Mysterium, um den sich aber alles dreht. Denn von ihm und seinen Arbeiten lebt die grosse und kinderreiche Familie, der Haushalt wird von seiner herrischen, dauerschwangeren und sehr eifersüchtigen Frau Catharina (LAURA AIKIN) geführt, insgeheim die Fäden zieht jedoch Vermeers Schwiegermutter Maria Thins (Zürichs Opern-Urgestein LILIANA NIKITEANU). Sie erkennt, welch grossen künstlerischen Einfluss und Inspiration die Magd Griet (LAUREN SNOUFFER mit wunderschönem Timbre, einer tolle Stimme, zart fliessend und immer leicht klingend in den oftmals nicht einfachen Gesangslinien) auf den Maler ausübt. Und so vergeht auch die gute erste Stunde der Oper nur damit, die künstlerischen Qualitäten von Griet herauszustellen, ihre Gedanken zu Farbe, Faltenwurf und dem Einfluss von Licht auf Vermeers Arbeit im Atelier. Überhaupt ist das Werk relativ handlungsarm, viele Dinge passieren im Subtext oder bleiben einfach offen. Huffmans Inszenierung verzichtet auf jegliche Illustration, die Spielfläche ist eine ständig rotierende Drehbühne im stetigen Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit, eine ganz eigenwillige Strenge hat dieses Bühnenbild von ANDREW LIEBERMANN, während die Kostüme von ANNEMARIE WOODS dann doch die Handlung im 17. Jahrhundert, dem „goldenen Zeitalter“ der Niederlande verortet. Mit THOMAS HAMPSON ist der Maler Jan Vermeer prominent besetzt, er ist eine stille, fast schon tragische Person, die sich irgendwie mühevoll und ohne grosse Künstler-Attitüde durch das Leben schleppt, fast schon quält. Da scheint ihm die auftauchende Griet wohl als Licht, als Sonnenschein in dieser Düsternis, die von seiner Frau und den elf Kindern dominiert wird. Hampsons immer noch wundervoller und wohlklingender Bariton beeindruckt, sein Gesang in dieser Rolle ist eher deklamierend und kontrolliert angelegt. Überstrahlt wird diese Produktion von der jungen amerikanischen Sopranistin Lauren Snouffer, die musikalisch und darstellerisch omnipräsent die komplette Vorstellung dominiert. Wirth hat die einzelnen Partien für die jeweils besetzten Sänger:innen geschrieben, das spürt man, das passt. Seine Musik ist interessant und entfaltet (nach einer gewissen Zeit) eine Sogwirkung, allerdings ohne grosse und besonders berührende Momente, einzig vielleicht die grosse Szene, während Vermeer das Bild malt und Griet im Freeze als Mittelpunkt auf der sich drehenden Bühne steht, könnte man als monumental bezeichnen. Man hat das Gefühl, Wirth hat sich mehr für das offengelegte Innenleben seiner Figuren interessiert, statt für die Handlungsillustration, das ist nicht das Schlechteste. Alles in allem eine interessante Produktion, auch wenn man fortwährend das Gefühl einer gewissen Blutleere hat und man von den Klängen eher eingelullt als aufgewühlt wird. Die Musik bietet keine Arien-„Ohrwürmer“, keine grossen Solonummern, ist eingängig und stellenweise sehr vielschichtig. Man hat das Gefühl, dass Wirth kompositorisch sehr erfahren ist, dabei ist „Girl with a Pearl Earring“ wohl seine erste Oper. Hier hatte die Intendanz offenbar grosses Vertrauen. Huffmans Umsetzung ist etwas spröde und während inhaltlich viel von Farben die Rede ist, bleibt auf der Bühne alles grau, schwarz und weiss, das irritiert etwas und nutzt sich mit der Zeit etwas ab. Die Besetzung ist bis in die kleinsten Rollen wunderbar (u.a. YANNIK DEBUS als Pieter, IRÈNE FRIEDLI als Tanneke). In der von mir besuchten Derniere musste aufgrund der Erkrankung von IAIN MILNE (als Kunsthändler van Ruijven) kurzfristig ANDREW OWENS die Partie übernehmen und stand mit seinem Pult am Portal, während Milne stumm agierte – Bravo! Mit PETER RUNDEL stand ein sehr versierter musikalischer Leiter am Pult, Spezialist für zeitgenössische Musik, souverän und äusserst erfahren bei Uraufführungen. Der Klang aus dem Graben war äusserst differenziert und häufig – im Gegensatz zum Bühnengeschehen – fast schon leuchtend, die Sänger wurden auf diesem Klangbett mit seinen Soundcollagen getragen, waren absolut textverständlich. Nun ist die Produktion in Zürich wohl abgespielt und man wird sehen, ob und wo es weitere Aufführungen geben wird.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

Cavalleria Rusticana/Pagliacci – Oper Zürich 26.01.2022

Don Giovanni – Oper Zürich 25.01.2022

Das Rheingold – Bühnen Bern 06.01.2022

„L’Auberge du Cheval blanc“ – Opéra de Lausanne 31.12.2021

10 Kommentare

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