Eliogabalo – Oper Zürich 26.12.2022

Francesco Cavallis zur Karnevalssaison 1668 entstandene Oper „Eliogabalo“ galt lange Zeit als verschollen und wurde erst 1999 wiederentdeckt (UA am Teatro San Domenico in Crema). An der Oper Zürich ist das Werk über den dekadenten römischen Kaiser Elagabalus nun in einer Inszenierung von CALIXTO BIEITO und grossartiger Besetzung zu sehen…

Bei sogenannten „Ausgrabungen“ im Opernbetrieb bin ich eher skeptisch, zu oft schon hat sich das vermeintlich „neue“ oder wiederentdeckte Werk als Flop erwiesen, manche Werke sind eben zu Recht in der Versenkung verschwunden. Für mich ist „Eliogabalo“ nach „Erismena“ am Festival in Aix-en-Provence 2017 die zweite Oper von Cavalli, die es auf einer Bühne zu sehen gibt. Der Stoff bietet für einen Regisseur wie Bieito – der sich in vielen seiner Inszenierungen (auch in Zürich) bemerkenswert in die menschliche Psyche einarbeitet und deren Abgründe schonungslos dem Publikum präsentiert – natürlich eine grandiose Vorlage. Ein römischer Kaiser, der 218 n. C. im Alter von 14 Jahren den Thron bestieg und nur vier Jahre später wegen seiner Exzesse und bizarren sexuellen Vorlieben brutal ermordet wurde. Die Zürcher Inszenierung fokussiert sich auf den Machtmissbrauch des Politikers Eliogabalo, so gründete er unter anderem zur Lustbefriedigung einen Frauensenat, dem er als genderfluide Person vorsitzt. Das Werk wurde auf gut 3 Stunden 10 Minuten gekürzt, hat aber dennoch – vor allem im ersten Teil – ziemliche Längen, die auch ein Regisseur wie Bieito nicht mit Spannung zu füllen vermag, zudem ist die Handlung stellenweise sehr komplex und es braucht – vor allem zu Beginn – etwas Zeit sich einzufinden, wer sich denn nun mit wem verbündet, um welchem Ziel auch immer näher zu kommen. Im Grunde ist es jedoch ganz einfach: jede/r ist sich selbst die/der Nächste. Mittendrin natürlich der Kaiser, der sich sexhungrig, fast schon atemlos nimmt, wen er begehrt, diesen Hunger jedoch nie stillen kann. So ist es nur konsequent, dass er sich am Ende selbst kastriert und im blutverschmierten weissen Brautkleid als wildes Tier im Käfig gefangen ein letztes mal von seinen Opfern vorgeführt wird. Das ist auch einer der stärksten Momente dieser Produktion, der noch lange nachhallt. Die wirklich lustvolle Spannung des Abends kommt von den Sängern und aus dem hochgefahrenen Graben, denn hier musiziert der russische Dirigent DMITRY SINKOVSKY mit dem ORCHESTRA LA SCINTILLA und lässt einen farbenfroh schillernden Cavalli erklingen, der die Zuhörerschaft komplett in den Bann zieht. Cavallis Musik, die überwiegend aus Rezitativen, aus gesprochener Musik, besteht, ist wundervoll. Hier lohnt es sich genauer hinzuhören, es sind diese unglaublich differenzierten Feinheiten im Gesang, mit denen – auch ohne grosse ariose Momente – jegliche Emotion ausgedrückt wird. Sinkovsky spielt bei einigen Passagen die erste Geige, nach der Pause setzt er – als hervorragender Countertenor, dem Publikum zugewandt – einen ganz eigenen Akzent. Ihm ist auch die perlende Einrichtung, Instrumentierung und Fassung dieser Aufführung zu verdanken. In der besuchten Vorstellung vom 26.12.22 gab es neben den beiden Countertenören in den Hauptrollen (und dem dritten Counter Sinkovsky am Pult) einen zusätzlichen Countertenor als Einspringer: JAMES LAING singt aus dem Graben kurzfristig (ohne Proben, vom Blatt) die Rolle des Giuliano für die erkrankte BETH TAYLOR, die dennoch auf der Bühne spielt, damit die Vorstellung stattfinden kann. James Laings Stimme ist wunderbar, seidig-sanft und strahlend, da stört das stumme Overacting von Beth Taylor etwas, obwohl man ihr natürlich sehr dankbar sein muss für ihren Einsatz. Der ukrainische Countertenor YURIY MYNENKO ist ein beeindruckender Eliogabalo mit wunderschöner Intonation und einer Sanftheit im Timbre, das eigentlich nicht zum sexbessesenen verdorbenen Charakter seiner Rolle zu passen scheint. Ihm gegenüber steht die eher schrille, ja teilweise schon hysterisch gepresst klingende Stimme des Counters DAVID HANSEN, dem Zürcher Publikum seit Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ bestens bekannt und noch im Ohr. Seine spezielle Stimme muss man mögen, sie berührt jedoch sehr auf ganz eigene Weise. Die Frauenriege ist ebenfalls hervorragend: SIOBHAN STAGG als Anicia Eritea, ANNA EL-KASHEM als Flavia Gemmira und SOPHIE JUNKER als Atilia Macrina. Eine wirkliche Augen- und Ohrenweide ist der junge Sänger JOEL WILLIAMS als Zotico, Vertrauter und wohl regelmässiger Lover Eliogabalos, zumindest in der Lesart Bieitos. Ein genderfluider Abend, ein Spiel mit Rollen und Geschlechtern ist es allemal: MARK MILHOFER ist eine umwerfende Lenia, sie ist letztendlich die Person, die sämtliche Fäden zieht und das komplette Leben des Kaiser steuert, in Händen hält und auch zerstört. Milhofer ist nicht nur ein grossartiger Sänger, seine Darstellung ist überragend – von durchtrieben und intrigant bis hin zu vielen komischen Momenten. Selbst die kleinsten Rollen sind in dieser Produktion hervorragend besetzt, unbedingt noch zu nennen: DANIEL GIULIANINI (Nerbulone), BENJAMIN MOLONFALEAN (Tiferne), AKSEL DAVEYAN (Un Console) und SAVELIY ANDREEV (Altro console). „Eliogabalo“ ist eine interessante Produktion, jedoch nicht die stärkste Inszenierung Bieitos – ich habe schon weitaus spannendere Arbeiten von ihm gesehen – aber dennoch als Neuentdeckung unbedingt sehens- und hörenswert. Ob „Eliogabalo“ sich neben Cavallis „La Calisto“ im Repertoire etablieren wird, bleibt abzuwarten….

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