Nach „Das Land der Anderen“ und „Schaut, wie wir tanzen“ endet nun mit „Trag das Feuer weiter“ Leila Slimanis grossartige Trilogie über ihre Familie. Auch den neuen Roman kann man nicht beiseite legen, ist ganz wunderbarer Lesestoff, grosses Lesevergnügen und ein wunderbarer Abschluss…
Und wie in den beiden vorangegangenen Romanen ist auch „Trag das Feuer weiter“ eine Suche nach Identität, nach Herkunft, erneut begibt man sich auf die Spuren von Slimanis Familie, sie nimmt uns mit auf diese Reise nach Marokko, erzählt von der nächsten Generation, von zwei jungen Schwestern, die unterschiedliche Wege gehen (müssen), für die ganze Familie ist es ein Aufbruch in eine neue Ära, in ein neues Zeitalter in einem schwierigen Selbstfindungsprozess jeder einzelnen Person in dieser Familienkonstellation, aber auch das Land spaltet sich auf in Islamisten und in jenen Teil der Menschen, die für einen modernen Staat, für ein eher westliche geprägtes, liberales (und in diesem Fall auch sehr privilegiertes) Leben stehen, gleichzeitig ist da der stärker werdende, spürbare Rassismus in Frankreich.
Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit »brain fog«, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die auf ganz eigene Weise vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt – und von dem Streben nach Freiheit. Rabat, 1980. Mia ist sechs Jahre alt, als ihre Schwester Ines geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Vater leitet eine Bank. Die beiden Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit stillem Befremden verfolgt Mia, wie mühelos sich Ines anpasst, und es braucht Jahre, bis die beiden Schwestern einander näherkommen. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aisha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg. (Luchterhand Verlag, penguin)
Stilistisch hat man das Gefühl, dass dieser dritte Band näher an Slimanis Leben andockt und preisgibt, ohne den dokumentarischen, manchmal fast schon journalistisch distanzierenden Blick der vorhergehenden Bände, dieser letzte Roman hat etwas sehr privates, liest sich teilweise wie Tagebucheinträge, das gefällt mir sehr. Es sind wahre Begebenheiten ihrer Familie, von denen Slimani erzählt, das macht diese Geschichte so authentisch, glaubwürdig, nahbar. Hin- und hergerissen zwischen Frankreich und Marokko und nirgends wirklich zu Hause. Historische Ereignisse flankieren diese Lebenswege von denen sie erzählt, wir erhalten Einblicke in Zeitgeschichte, in spannende Familienkonstellationen, immer wieder auch Rückblick auf die Vorfahren, gleichzeitig das aktuelle Leben der jungen Generation in Paris, das ist spannend und wie alle Romane von Slimani ein wahrer Pageturner und zuletzt ist man etwas traurig, weil die Geschichte nun (oder vorerst) zu Ende erzählt ist.
„Trag das Feuer weiter“ von Leila Slimani, 2026, Luchterhand Verlag (penguin), ISBN: 978-3-630-87648-1 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei sehr herzlich beim Luchterhand Verlag (Penguin) bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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