Kaum ist das erste „Zürich Barock“ Festival vorbei, schon hat die nächste Oper Premiere – fast hat man eine Barock-Überdosis und fragt sich, muss das wirklich sein, jetzt auch noch Mozarts „La Clemenza di Tito“? Ich bin kein grosser Mozart-Fan, muss nach dem Besuch dieser Neuproduktion in der Regie von DAMIANO MICHIELETTO aber diese Frage mit einem eindeutigen JA beantworten. Neben der wirklich tollen Inszenierung erlebt man grossartige Sänger:innen und LA SCINTILLA musiziert unter der Leitung von MARC MINKOWSKI einfach wunderbar…
Der Vorhang geht auf und der erste Eindruck von PAOLO FANTINs Bühnenbild ist schon mal toll. Wir blicken in eine irgendwie sozialistisch anmutende Szenerie – das Kapitol im DDR-Schick und doch sehr stylish, würde ich sagen – und so erstaunt es auch nicht, dass noch während der Ouvertüre von Publio (ANDREW MOORE) Abhörwanzen unter den 60er Jahre Sitzmöbeln im Wandelgang der römischen Administration installiert werden (dezent ist allerdings etwas anderes, da man sie noch aus der 11. Parkett-Reihe blinken sieht, aber naja – es ist Theater….) – in Kaiser Titos Reich ist etwas im Gange, wir wittern eine Verschwörung. Danach plätschert die Handlung gemächlich vor sich hin, bevor sie im 2. Akt nach der Pause endlich etwas Fahrt aufnimmt, nachdem ein Bombenanschlag die Räumlichkeiten verwüstet und ein grosses Loch in die designte Führungsetage Roms gesprengt hat. Die schöne Fassade bröckelt und Vitellia trägt nun ein knallgelbes Kleid – farblich passend zum grossen Ganzen, denn sie ist die Strippenzieherin der Intrige, des Mordanschlags und der ihr ergebene Sesto hat es später auszubaden. Aber da ist dann eben doch die Güte, die Gnade, die Nachsicht Titos, der ihm vergibt – damit ist nicht jeder einverstanden – und so kommt Sesto auf seiner Bahre im „Todestrakt“ doch mit dem Leben davon, die Todesspritze kommt (vorerst) nicht zum Einsatz. Bis zuletzt nimmt die Spannung zu, die Regie wird stringenter, man hat das Gefühl, einem Krimi zu folgen und stellt sich die Frage, ob das alles gut gehen kann? Der Schluss ist dann doch überraschend (jedoch konsequent), soll hier aber nicht gespoilert werden. Michieletto und sein Ausstatter schaffen es, in diesem tollen Setting starke Bilder zu erzeugen, das eher düstere Licht (meistens frontal mit vielen Schattenwürfen) von ALESSANDRO CARLETTI ist grossartig und so vergeht die Zeit wie im Flug (wer hätte das gedacht, wo mich doch Mozart meistens etwas langweilt). Das liegt natürlich vor allem an der grossartigen Besetzung, allen voran LEA DESANDRE in der Hosenrolle des Sesto – hinreissend die Arie „Parto…“ (und ebenso hinreissend begleitet von ROBERT PICKUP an der Klarinette!) und absolut glaubwürdig im Spiel, dieser Zwiespalt, diese Verzweiflung, dieses Zerrissene man spürt das deutlich und im Grunde genommen ist Sesto sowieso die Hauptfigur in diesem Werk und mit Lea Desandre für mich eine Idealbesetzung (das wird auch von Cecilia Bartoli in der kommenden Saison nicht zu toppen sein!). PENE PATI als Tito Vespasiano ist für mich etwas blass, musikalisch fehlt ihm – für meinen Geschmack – ein wenig Wärme in der Stimme (auch wenn alles sehr schön gesungen ist, ich mich jedoch frage, ob er tatsächlich ein Mozartsänger ist? – ok, was genau ist ein „Mozartsänger“?), als Charakter ist er unausgegoren, ein Weichei, der als Machthaber wohl fremdgesteuert agiert, das macht seine „Güte“ nicht glaubhaft, den Schluss für mich aber absolut plausibel, es geht um Intrigen, um den Machtapparat, um Machenschaften in der politischen Führungsebene, die Regie zeigt dies klar und deutlich, dank Michielettos hervorragender Personenregie bei den weiteren Protagonist:innen und deren Konstellationen. Musikalisch ist die Produktion wirklich ein Highlight – man hört sehr gerne zu bei all den schönen Stimmen, taucht ein in diesen Wohlklang: MARGAUX POGUET als Vitellia (ihre Stimme zu Beginn messerscharf, später dann herrlich weich und fliessend) ist wirklich toll, ihr geht es vor allem um Lust und Erotik, während es bei der süsslichen Servilia von YEWON HAN doch tatsächlich um Liebe zu gehen scheint, sie ist – wie immer zauberhaft, SIENA LICHT MILLER als Annio (auch ein Weichei oder wieso reagiert Annio überhaupt nicht, als zu Beginn Tito ihm seine Liebe Servilia vor der Nase wegheiraten will?) und ANDREW MOORE als Publio (sehr schöner kraftvoller Bass-Bariton!) komplettieren dieses hervorragende Ensemble. Und aus dem Graben tönt es wunderbar differenziert, filigran und mit ausgewogener Dynamik, das liegt wohl auch an dem hochgefahrenen Graben, wenn das Barockorchester LA SCINTILLA spielt. Und selbst Zürichs Opernchor überzeugt mich diesmal – fein austariert und zurückhaltend (Einstudierung: ERNST RAFFELSBERGER).

Diesen „Titus“ sollte man sich gönnen (denn so oft ist das Werk nicht auf den Spielplänen zu finden), bevor es bald mit „Cosi fan tutte“ (in der wirklich tollen Inszenierung von Kirill Serebrennikow) und einer neuen „Zauberflöte“ zur Saisoneröffnung 2026/27 im barocken Mozart-Reigen weitergeht an diesem Haus…
Whats next? – Premiere von Verdis „La Forza del Destino“ (in der Regie von Julia Lwowski, am Pult: Alevtina Ioffe) an den Bühnen Bern…
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
554: Fin de Partie – Theater Basel Premiere 12.04.2026
553: Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.04.2026
552: Scylla et Glaucis – Oper Zürich 31.03.2026
551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025
545: Die Fledermaus – Oper Zürich 10.12.2025
544: La forza del Destino – Oper Zürich 26.11.2025
543: Hänsel und Gretel – Oper Zürich 20.11.2025
542: El Barberillo de Lavapiés – Theater Basel 05.11.2025
541: Pélleas & Mélisande – Grand Théâtre de Genève 02.11.2025