La Bohème – Oper Zürich 28.12.2022

Das Opernjahr 2022 beende ich mit einer „Bohème“ am Opernhaus Zürich, es ist das Debüt von OLGA KULCHYNSKA als Mimi, das ich nicht verpassen will…

Die spezielle Inszenierung von OLE ANDERS TANDBERG (die 2015 Premiere hatte) gefällt mir immer noch sehr gut und nach der sensationellen „Tosca“-Vorstellung vom 20.12.22 (Radvanovsky/Grigolo/Terfel) und „Eliogabalo“ vor ein paar Tagen, ist das ein musikalischer Jahresausklang so ganz nach meinem Geschmack und im Juni 2023 wartet bereits das nächste Puccini-Highlight auf das Zürcher Publikum: „Turandot“ mit der wundervollen Sondra Radvanovsky. Puccinis All-Time-Klassiker „La Bohème“ passt natürlich hervorragend in die Weihnachtszeit, die Inszenierung von Tandberg im romantischen Bühnenbild von ERLEND BIRKELAND sowieso. In einem Interview zur Premiere vor vielen Jahren – das man noch auf Webseite des Opernhauses nachlesen kann – sagt der Regisseur, dass er selbst gerne als Künstler nach Paris gehen wollte, sein Bühnenbilder ebenso. So ist es wohl eine sehr persönliche Inszenierung, eine Mischung aus Traum, Wunsch und Wirklichkeit und es ist stimmig, auch wenn es manchmal etwas abgegriffen wirkt, das Stück als Theater auf dem Theater umzusetzen. Das Künstleratelier zu Beginn und im letzten Bild ist ein alter Theatersaal, das zweite Bild bei Momus ist eine bunte Collage französischer Künstler und Prominenz des letzten Jahrhunderts von Lagerfeld und Bardot bis hin zu Coco Chanel oder Emile Zola, sie alle sind Zuschauer des Spektakels, der Aufführung des Stückes der vier Künstler Rodolfo, Schaunard, Colline und Marcello. Das dritte Bild an der Zollschranke ausserhalb von Paris ist ebenfalls ein Teil des Bühnenspektakels, die Zöllner und Marktfrauen allerdings etwas albern – eher grässlich – als Schnellflocken in selbstgebastelten Papierkostümen. Dem Pathos des Schneebildes (3. Akt), dem ganzen Werk, tut dies keinen Abbruch, das Schlussbild mit der sterbenden Mimi an der Rampe, während im Hintergrund auf der Bühne des Theatersaals erneut die verschneiten Bäume, die Winterlandschaft erscheinen und im Augenblick des Todes die alte Holztüre freigeben, durch die Mimi zu Beginn die Mansarde betreten hat, ist schön – Erlösung? Oder alles nur der flüchtige Traum einer todkranken Näherin? Man weiss es nicht, berührend ist es dennoch. OLGA KULCHYNSKAs Mimi ist stimmlich schärfer als erwartet, das liegt aber wohl am eher nüchternen Dirigat von KIRILL KARABITS, der diese manchmal so triefende Puccini-Oper fast schon analytisch, stellenweise ziemlich laut, daherkommen lässt. Ist das seine Sichtweise des Werkes oder will er sich um jeden Preis vom Zuckertannen-Kitsch auf der Bühne distanzieren? Mir hat das sehr gut gefallen, vor allem die Zerbrechlichkeit von Kulchynskas Mimi bewegt mich sehr, bereits als Blanche in „Dialoges des Carmélites“ fand ich sie grossartig. Die Mimi ist ideal für sie. KANG WANG als Rodolfo hingegen könnte etwas mehr von dieser Zerbrechlichkeit habe, er ist eher laut und polternd (fast schon ein Heldentenor), die feinen, zarten Töne sind ihm (leider) fern. Die grossen Duette und Ensembles klingen dennoch gut in dieser Besetzung. KONSTANTIN SHUSHAKOV ist ein wunderbarer Marcello, der schon mehrfach überzeugt hat (zuletzt als „Don Giovanni“ in der immer wieder sehenswerten Baumgarten-Inszenierung). Zusammen mit der wunderbaren REBECA OLVERA als Musette liefert er sich die glaubhaften Streitereien, die man erwartet – Olvera ist grossartig in dieser Rolle und strahlt mit ihrer überragenden Präsenz. YANNICK DEBUS als Schaunard und STANISLAV VOROBYOV als Colline ergänzen das stimmlich gut disponierte Künstlerquartett – schöne Mantelarie von Vorobyov! Kein musikalisch-kitschiger Jahresausklang in der Oper, aber mit allem was das Herz des Puccini-Lover begehrt. Langanhaltender Applaus für die letzte „La Bohème“ dieser Vorstellungsserie und für mich ein schöner Schlusspunkt des Opernjahres 2022.

Meine zuletzt besuchte Vorstellung von „La Bohème“ war am 5.8.2021 am Teatro Comunale die Bologna.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Eliogabalo – Oper Zürich 26.12.2022

Tosca – Oper Zürich 20.12.2022

Faust – Oper Zürich 06.11.2022

Barkouf – Oper Zürich 30.10.2022

Il Trovatore – Oper Zürich 06.10.2022

Die Walküre – Oper Zürich Premiere 18.09.2022

Tristan und Isolde – Oper Zürich 29.06.2022

Giovanna d’Arco – St. Galler Festspiele 25.06.2022

Lucia di Lammermoor – Oper Zürich 22.05.2022

Arabella – Oper Zürich 15.05.2022

The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

4 Kommentare

    1. arcimboldis_world

      Lieber Alexander, ich danke Dir – wie immer – für Deine liebenswerten Rückmeldung. Ich kann das nur erwidern, mit Genuss lese ich Deine Ausführungen, die mich manchmal überfordern, so ganz ehrlich gesagt. Aber ich finde Deinen Blog toll. Und finde immer neue Sachen. Die ich aber oft wohl auch nicht lesen werde, weil sie mich auch überfordern. Hahahaha. Ich bewundere Dich für Deine Kenntnis und Intellektualität. So ganz anders als ich. Wünsche Dir auch einen guten Rutsch, hier in Zürich fängt es gerade an zu regnen und der Tag neigt sich schon gen Dunkelheit. Ich bin einfach eher der Sommertyp. So. Herzlichst also aus der Alpenregion! Auf bald, Adrian

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      1. Alexander Carmele

        Lieber Adrian, der Sommer passt auch mehr zu mir. Ich mag die Wärme, das Helle, aber wer mit dem Winter kann, mag dessen Kühle, Schwere und Langsamkeit. Wie dem auch sei, ich finde stets wieder neue Inspiration auf die verschiedensten Weisen, falls dies manchmal verkopft rüberkommt, dann nur, weil ich meiner ungebremsten Freude in Begriffe kleide. Im Grunde spricht nur schiere Begeisterung, wie bei dir, weshalb ich deinen Blog auch so schätze. Danke für die netten Worte. Einen guten Rutsch, Gesundheit, tollen Gesang, gutes Essen, gute Bücher, alles was du zu schätzen magst, in Hülle und Fülle! Viele Grüße aus dem eigenartig warmen Berlin! LG Alexander

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