Giovanna d’Arco – St. Galler Festspiele 25.06.2022

Bereits zum siebzehnten mal finden 2022 in St. Gallen die Festspiele im Klosterhof der Stiftskirche statt, die Programmatik ist wohltuend anders, man hebt sich vom üblichen Repertoire ab und zeigt Werke, die nicht so häufig auf den Spielplänen zu finden sind. Open air auf der Bühne in diesem Jahr: Verdis „Giovanna d’Arco“, die Geschichte der „Jungfrau von Orleans“…

Ursprünglich programmiert und auch schon im Verkauf war Tschaikovskis Version von „Die Jungfrau von Orléans“ (weswegen ich eigentlich unbedingt in die Ostschweiz fahren wollte), als Grund für den Wechsel nannte man den Ukraine-Krieg und den Hinweis, man könnte sensible Menschen, Geflüchtete und Kriegsopfer damit verletzten. Ein etwas fadenscheiniges Argument, wenn man dann sieht, was Regisseurin BARBORA HORÁKOVÁ daraus gemacht hat – ist auch gar nicht anders möglich, denn Krieg ist eben das Thema des Stoffes. Verdis Musik ist wunderschön, aber klar ist auch, dass das Stück dramaturgische Schwächen hat und wohl deshalb kaum auf den Spielplänen zu finden ist. Die Liebesgeschichte zwischen Giovanna und dem König ist an den Haaren herbeigezogen, übergross und am Thema vorbei, hier wäre Tschaikovskis Version wohl die bessere Wahl gewesen. Ausserdem gab es das Stück bereits vor ein paar Jahren in der Regie von Giancarlo del Monaco an gleicher Stelle zu sehen. Anyway, in St. Gallen also nun Verdis „Giovanna“ unter der musikalischen Leitung von MODESTAS PITRENAS, dem Chefdirigenten des Theater St. Gallen. Pitrenas sieht beim Schlussapplaus flotter und energetischer aus, als die zwei gehörten Stunden Verdi vermuten lassen. Das liegt aber zum Grossteil an der nicht sehr idealen Akustik des Ortes und den verstärkten Solist:innen. Den üblichen und oftmals störenden Verdi-Wumms vermisst man hier also schmerzlich und so plätschert das Stück aus dem nicht vorhandenen Graben vor sich hin. Darstellerisch ist der Chor leider auch keine grosse Hilfe, liegt aber wohl an der Tatsache, dass es immer schwierig ist, mehrere Chöre miteinander probentechnisch unter einen Hut zu bringen und so lavieren sich der Chor des Theaters St. Gallen, der Opernchor St. Gallen, der Prager Philharmonische Chor, der Theaterchor Winterthur und der Kinderchor des Theater St. Gallen irgendwie szenisch durch das Stück, musikalisch sind sie jedoch (meistens) beim Dirigenten. Die vielen Chorauftritte bewegen sich szenisch zwischen blindem Aktionismus (mehrmals das Stahlgerüst hoch- und hinuntersteigen) und hochdramatischer Effekthascherei bereits beim Opening. Horáková fokussiert auf den Krieg, auf die Folgen des Krieges – aktueller geht es natürlich nicht und so sieht man traumatisierte Soldaten auf der Bühne nach der Schlacht und vor der Bühne Mütter mit den Stiefeln ihrer verstorbenen Söhne und Partner und traurige Kinder, die Blumen niederlegen. Ja, Kinder als Prinzip Hoffnung, das zieht sich dann eben auch durch bis zum Schluss mit den ebenfalls plakativen Neonröhren. Natürlich kann man das alles topaktuell finden. Oder einfach platt und etwas vordergründig schreierisch – bewegt hat es die wenigsten Zuschauer, der Szenenapplaus war eher spärlich. Der Schlussapplaus fiel dann deutlich kräftiger aus, liegt aber wohl auch an der aufziehenden Nachtkühle zum Ende des Spektakels um kurz nach 23.00 Uhr. SUSANNE GSCHWENDERs Bühnenbild doppelt die hochaufragende Stiftskirche als Ruine mit jeweils zitierenden Versatzstücken der einzelnen Szenen, macht aber auch nicht vor unsäglichen Plattitüden halt, etwa wenn die junge Giovanna inmitten von überdimensionalen bunten Kinderbauklötzen kämpfen muss. Überhaupt fragt man sich, ob es diese permanente Doppelung der kindlichen mit der erwachsenen Giovanna wirklich braucht, es ist ganz nett, trägt aber zum Verständnis nicht bei und hat man schon hundertfach gesehen. Das grösste Ärgernis jedoch ist der Kurzauftritt des Schimmels, der weder eine Aufgabe erfüllt, noch sonst etwas zur Handlung beizutragen hat – heutzutage muss das nicht mehr sein, dass man lebende Tiere auf die Opernbühne zerrt. Ebenso hätte ich gerne auf vordergründigen Aktionismus junger Mädchen – die sich literweise Theaterblut aus Kanistern über ihre blütenweissen Outfits giessen – verzichten können. MARIGONA QERKEZI debütiert nicht nur in der Schweiz, sondern auch als Giovanna, ihre Stimme ist kraftvoll, ihr Spiel ebenso – gerne würde man sie einmal unverstärkt an einem Haus hören, sie hat durchaus sängerische Qualitäten und ein Potential, das open-air nicht immer zum Tragen kommt. Ihr gegenüber als König Carlo VII ist GIORGI STURUA mit kraftvollem Tenor, darstellerisch häufig jedoch in hausbackenen Operngesten verhaftet, die sich leider bei allen durch den ganzen Abend ziehen – unzählige Kniefälle, grosse und kleine Dekollete-Griffe, grosses Drama, viele um Hilfe ringende Hände etc. – eine Persiflage könnte es nicht besser. GIUSEPPE ALTOMAREs Stimme gewinnt (leider) erst zum Schluss an Intensität und Schönheit. Eine open-air Vorstellung vor schöner Kulisse an einem lauen Sommerabend ist natürlich immer ein Erlebnis, unzählige Vögel durchfliegen die Szene, das Kirchenportal leuchtet in unterschiedlichen Farben und dahinter erinnern die Fachwerkhäuser der St. Galler Altstadt fast ein wenig an die „Meistersinger“. Eine imposante Melange, bei der eben die Kunst nicht oberste Priorität hat, es ist eher ein Sommer-Event für jung und alt. Kann man mögen. Muss man aber nicht.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Lucia di Lammermoor – Oper Zürich 22.05.2022

Arabella – Oper Zürich 15.05.2022

The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

3 Kommentare

    1. arcimboldis_world

      Hey nach Berlin – ja, es war ein wenig unerquicklich da in St. Gallen – ich hatte mich sehr darauf gefreut, aber es war ziemlich unbefriedigend, wie man ja lesen kann. So schade. Naja, gute Zeit hatten wir dennoch, gut gegessen und Summervibes sowieso. Herzlichst aus Zürich. A

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