A quiet Place – Opéra National de Paris 24.03.2022

Wohl eher eine Rarität auf den Spielplänen der Opernhäuser – Bernsteins Oper „A quiet Place“. Spannend ist es immer, wenn irgendwo ein Werk zu sehen ist, was nicht zu den üblichen „Gassenhauern“ gehört und somit regelmässig und überall auf den Bühnen zu sehen ist. Häufig verschwinden Stücke auch zu Recht in der Versenkung. Wie gut, hat die Opéra National de Paris nun dieses doch sehr komplexe Stück in den Spielplan genommen, Bernstein als Opernkomponist wird leider immer wieder unterschätzt…

„A quiet place“ ist natürlich ein sehr amerikanisches Stück, erinnert an die Familien-Psychogramme eines Tennesse Williams und zeigt ein sehr krankes, dystopisches Familiengeflecht, von Regisseur KRZYSZTOF WARLIKOWSKI zeitlich irgendwann im letzten Jahrhundert (60-70er Jahre) verortet, thematisch aber natürlich zeitlos. Das Stück beginnt mit dem Selbstmord der Mutter, die auf der Flucht vor ihrer „schrecklichen Familie“ den Weg nach vorne antritt und wohl ziemlich stark angetrunken blutübströmt neben ihrem verunfallten Auto stirbt. Filmer KAMIL POLAK zeigt diese Flucht hyperrealistisch mit einer animierten Mutter, das nimmt der Szenerie leider etwas den Schrecken, man hätte sich gewünscht, dass JOHANNA WOKALEK, die live bis zum Schluss als Dinah allgegenwärtig durch das Familiendrama geistert, auch diese Videosequenz gespielt hätte. Das Stück selbst beginnt dann mit der Beerdigung, die stellenweise sehr witzige Momente hat, ja sogar sehr „showy“ daher kommt und von den Mourners (MARIANNA CROUX, RAMYA ROY, KIUP LEE, NIALL ANDERSON) fast schon sarkastisch kommentiert wird. Es folgen Rückblenden, verschiedene Zeitebenen, die Geschehnisse, die einzelnen Familiendramen werden aufgerollt und gedeutet. (Fast) kein Thema bleibt dabei verschont, es geht um Missbrauch, Geschwisterneid, Liebesentzug, Alkohol und natürlich der schwierigen Konstellation, dass der schwule Sohn Junior (GORDON BINTNER) eine Liebschaft mit François (FRÉDÉRIC ANTOUN) hat, dieser dann aber dessen Schwester Dede (Claudia Boyle) zur Frau nimmt. Das kann nicht gut gehen, François steht wohl doch eher auf Junior. Dramen sind vorprogrammiert, natürlich auch die mangelnde Akzeptanz Juniors durch den Vater etcetera etcetera – Warlikowski kann und will sich nicht entscheiden, was er zeigen will und so zeigt er eben alles, das ist definitiv ein zu viel an Konflikten, als Zuschauer ist man gänzlich überfordert, man weiss stellenweise nicht, wo man sich gerade befindet, vor allem weil die tote Mutter immer noch mit dem Gin in der Hand umherschwankt und durch fast jede Szene torkelt. Hinzu kommt noch, dass der Regisseur dem Zuschauer nichts zutraut und er so manche Person bis ins Groteske überzeichnet – das pinkfarbene Western-Outfit von Junior ist witzig, aber eben auch die plakative Hammerschlagmethode für den letzten Zuschauer – ah, das ist der schwule Sohn. Solche Plattitüden nerven immens, wenngleich sowohl Bühnenbild, als auch Kostüme (Ausstattung: MALGORZATA SZCZEŚNIAK) sehr gelungen sind! Gordon Bintner als Junior ist ein grandioser Schauspieler, auch wenn durch die pandemisch-bedingte Maske viel verloren geht. Nicht alle müssen die Mund-Nasen-Bedeckung tragen, offenbar gab es am Tag der von uns besuchten Vorstellung Verdachtsfälle im Cast und so gab es eine „durchmischte Maskierung“, deren Logik nicht zu verstehen war, man das aber ja nun seit 2 Jahren gewohnt ist. Darunter leidet natürlich auch häufig die Textverständlichkeit. Am Pult des ORCHESTRE DE L’OPÉRA NATIONAL DE PARIS stand KENT NAGANO, bestens vertraut mit der anspruchsvollen Partitur (der diese auch für Decca u.a. mit Claudia Boyle eingespielt hat), den permanent wechselnden Rhythmen und in sich verschlungenen, komplexen Gesangslinien, dazu immer wieder die für Bernstein so typischen Show-Zitate und Jazzklänge, sogar Mendelssohns Violinkonzert taucht auf und plätschert kurz dahin. Nagano steuerte das Orchester und seine Sänger:innen sicher durch diese oft heiklen Passagen, die Musik konnte blühen, der typisch amerikanische Groove war allgegenwärtig spürbar – kein Wunder, Nagano und Bernstein kannten sich sehr gut und haben wohl oftmals auch das Werk diskutiert. Wie schön, wagt man sich einmal wieder daran und gräbt es aus. In den Spielplänen etablieren wird sich „A quiet place“ aber wohl nie, denn trotz der abendfüllenden Tragik und einigen stellenweise sehr schönen musikalischen Momenten, bleibt nichts davon wirklich nachhaltig in Erinnerung…

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

Cavalleria Rusticana/Pagliacci – Oper Zürich 26.01.2022

Don Giovanni – Oper Zürich 25.01.2022

Das Rheingold – Bühnen Bern 06.01.2022

„L’Auberge du Cheval blanc“ – Opéra de Lausanne 31.12.2021

„Anna Bolena“ Premiere – Oper Zürich 05.12.2021

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