Barkouf – Oper Zürich 30.10.2022

Gut 160 Jahre nach der Entstehung – erst 2018/19 an der Opéra du Rhin in Strasbourg und der Oper Köln wieder entdeckt – nun auch in Zürich zu sehen: Jacques Offenbachs spritzige Operette „Barkouf“ – ein Hund als Herrscher an der Spitze der Staatsmacht…

Der Plot gibt viel her und die Erwartungshaltung auf eine vergnügliche Produktion war gross, die Enttäuschung dann leider ebenso – für mich leider eine der schlechtesten Arbeiten an Zürichs Opernhaus seit vielen Jahren. Regisseur MAX HOPP will zu viel, hat zusammen mit seinem Team ein paar nette Ideen, aber kein funktionierendes Gesamt-Konzept. Es passiert viel, nur leider ist kein Platz auf der Bühne, denn alles drängt sich irgendwie in und um die überdimensionierte hässliche Treppeninstallation von MARIE CAROLINE RÖSSLE, die alles dominiert und dann noch nicht mal vernünftig bespielt wird. Ebenso fragt man sich, warum man sich für eine Drehbühne entscheidet und sie dann nicht wirklich nutzt. Es ist ärgerlich, permanent sehen zu müssen, wie sich die Massen aneinander buchstäblich vorbei quetschen. Eine leere Bühne hätte für diese Inszenierung auch funktioniert. Und das aufdringliche Licht von FRANCK EVIN muss man wirklich mögen. Die Kostüme von URSULA KUDRNA wirken wie aus dem Karnevals-Fundus gegriffen, zu kleinteilig, detailversessen – der Chor in Pastelltönen, der „Staatsapparat“ aus einem kitschigen Technicolor-Märchenfilm längst vergangener Zeiten, soll das eine bizarre Persiflage sein? Eine Karikatur? Man weiss es nicht. Wieso ist diese Produktion sowas von geschmäcklerisch und ergeht sich in grässlicher Oberflächlichkeit und orientalischen Klischees? Hier hätte man ruhig etwas mehr auf die Musik vertrauen können. Hier hätte man viel bissiger, böser, sarkastischer werden können. Stattdessen Plattitüden und eine nichtssagende, belanglose Ausstattung, es wirkt, als hätten sich die einzelnen Gewerke nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen können – so schade, denn das Stück gibt viel her, die Geschichte ist gut, es sind herrliche Couplets, Arien, Ensembles enthalten, die Musik ist wirklich wunderbar . ANDRÉ JUNG, der von der Regie als Erzähler – Jacques le Chien – zusätzlich integriert wurde ist stimmig und glaubwürdig. Er bringt die Geschichte voran, liefert die nötigen Informationen auf seine ganz eigene charmante Art und wo es nötig wird, bellt er auch mal lauthals ins Publikum. Der Cast ist hervorragend besetzt, kein Wunder – der grossartige MARCEL BEEKMAN als Bababeck debütiert in dieser Rolle und am Zürcher Opernhaus, hoffentlich wird er hier noch häufiger zu erleben sein – köstlich, witzig, absolut zum Schreien! BRENDA RAEs perlende Koloraturen und Triller als Maima sind ebenfalls herrlich anzuhören, ihr ebenbürtig der samtweiche und hörenswerte Tenor von MINGJIE LEI als Saëb. RACHAEL WILSON (Balkis), SIENA LICHT MILLER (Périzade), SUNNYBOY DLADLA (Xailoum, als Einspringer für den erkrankten Andrew Owens – Dladla hat die Rolle bereits 2019 an der Oper Köln gesungen!) und DANIEL NORMAN (Kaliboul) vervollständigen die tolle Besetzung. Einzig ANDREAS HÖRL als Gross-Mogul enttäuscht überraschenderweise, habe ich ihn doch von vielen anderen Produktionen mit seinem gepflegten Bass weitaus wohltönender in Erinnerung. Aus dem Graben tönt herrlicher Offenbach, JÉRÉMIE ROHRER am Pult der PHILHARMONIA ZÜRICH ist eine Wucht, schade fehlt der zu hörende Schmiss dann zeitgleich auf der Bühne. Der Chor der Oper Zürich klingt erstaunlicherweise in der besuchten Vorstellung richtig gut, singt auf den Punkt und nicht schleppend wie häufig, dafür kann ich mir aber leider die Bemerkung nicht verkneifen, dass man ihn Bitteschön nie mehr tanzen lassen sollte, zumindest nicht direkt an der Rampe. Schön anzusehen hingegen die witzigen Choreographien im HipHop-Streetdance-Style von MARTINA BORRONI mit den agilen kraftvollen Tänzer:innen SARA PENNELLA; ALESSIO URZETTA, ALESSIO MARCHINI, LORENZO SORAGNI, BRITTANY YOUNG, SORAYA EMERY, ORIANA ZEOLI und GIANLUCA FALVO. Was für eine vertane Chance für das Opernhaus Zürich, diese Produktion hätte ein Publikumsrenner werden können, die Szenenappläuse waren jedoch eher spärlich, der Schlussapplaus höflich, dies aber einzig und alleine dem tollen Ensemble und dem Orchester samt seinem Dirigenten geschuldet. Schade.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Il Trovatore – Oper Zürich 06.10.2022

Die Walküre – Oper Zürich Premiere 18.09.2022

Tristan und Isolde – Oper Zürich 29.06.2022

Giovanna d’Arco – St. Galler Festspiele 25.06.2022

Lucia di Lammermoor – Oper Zürich 22.05.2022

Arabella – Oper Zürich 15.05.2022

The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

5 Kommentare

  1. RRisch

    Im Musiktheater bin ich nicht zu Hause. Von den Bildungsbemühungen in meiner Jugend ist nicht viel vorhanden. Ich bin also inkompetent. „Barkouf“ ist wohl so etwas wie eine musikalische Politsatire wider den Absolutismus in Offenbachs Zeiten, und das Volk musste mit auf die Bühne. Allerdings – mit diuesem Ensemble hätte er eine grosse Freiluftbühne besetzen können. Und der Bass hätte dort auch bessere Luft gehabt, um seine Stimme mit voller Leistung zu präsentieren.
    Was mich brennend interessiert: Wieviel von was muss man trinken, um eine solche Treppe zum tragenden Gegenstand eines Bühnenbilds zu machen?
    Ich bemerke gerade: Von Treppen verfstehe ich auch nichts.

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Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren

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