Arabella – Oper Zürich 15.05.2022

Bereits im März 2020 geplant, dann pandemiebedingt kurz nach der Premiere alle weiteren Vorstellungen abgesagt – nun aber endlich: „Arabella“ an der Oper Zürich in der Regie von ROBERT CARSEN…

„Arabella“, die letzte Zusammenarbeit von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal, wurde 1933 in Dresden uraufgeführt – Carsen verortet sein Regiekonzept in diesen Jahren des Nationalsozialismus, das hat seine Berechtigung, denn komplett ausklammern kann man das Thema nicht, allerdings fragt man sich schon, warum er es tut, wenn zwar Nazi-Schergen in Uniformen auf der Bühne zu sehen sind und der Ballsaal mit dem Hakenkreuz beflaggt ist, sonst aber nichts passiert? Zwar werden beim Schlussbild Hotelgäste zusammengetrieben und man kann von einer Verhaftung oder Deportation ausgehen, aber man stellt sich schon die Frage, was das soll. Es ist so unentschlossen und alles andere als mutig – einzig das Vorspiel zum dritten Akt zeigt in Ansätzen, was man daraus hätte machen können, die als kleine Ballett-Sequenz angelegte Szene mit den Braunhemden und fast schon ver“hip-hopten“ Street-Dance-Hitlergrüssen ist super, man hätte sich mehr davon gewünscht. Ganz in der Manier von „The Producers“ kommt das daher und ist für mich tatsächlich szenisch eines der Highlights. Denn ansonsten ist die Ausstattung von GIDEON DAVEY zwar beindruckend (ein mehrgeschossiges multifunktionales Hotel-Atrium), szenisch erzählt man die Geschichte und ergeht sich in Opern-Platitüten (Zdenka mehrmals kniend an der Rampe – huh!). Dank Hofmannsthals intelligentem Humor gleitet das Stück nicht komplett ins Triviale ab und hat einige sehr schöne Momente. Beim „Rosenkavalier“, der noch etwas länger als „Arabella“ dauert, ist keine Note zu viel, dagegen hat man bei „Arabella“ schon einige Momente, in denen man denkt, es nimmt kein Ende. Etwas dahindümpelnde, langatmige Konversationsszenen, in denen man gutes Sitzfleisch braucht. Aber wegen der letzten fünfzehn Minuten lohnt es sich dann eben doch. Alleine schon durch Einspringerin JACQUELYN WAGNER (für die erkrankte Hanna-Elisabeth Müller – die ich mit ihrem Rollendebüt sehr gerne gehört hätte) hat dieser Abend eine musikalische Grösse, die man gehört haben muss, die finale Szene „Das war sehr gut, Mandryka, dass Sie noch nicht fortgegangen sind“ ist einfach zauberhaft, die Vorstellung endet dann auch in frenetischem Applaus und zwar nicht nur für den Umstand, dass sie sehr kurzfristig die Partie übernommen hat. Ihre Stimme ist ideal für die Strauss’schen Gesangslinien. Jede Phrasierung sitzt, die Töne leuchten und die Ausgestaltung ihrer Arabella ist sehr vielschichtig und hat eine psychologisch glaubhafte Tiefe. Mit JOSEF WAGNER steht ihr ein Mandryka gegenüber, der genau die richtige Mischung aus Seelenmensch und Bauer verkörpert (er hat mir zuletzt in „Das Rheingold“ am Theater Bern als Wotan wunderbar gefallen!). MICHAEL HAUENSTEINS Graf Waldner ist fast schon eine Karikatur dieser Figur, seine Frau Adelaide (JUDITH SCHMID) gibt eine eher besonnene und stellenweise doch auch rabiate Mutterfigur, wird aber – Gott seid Dank – nie schrill oder hysterisch. Gleich zu Beginn grossartig zusammen mit Kartenlegerin IRÈNE FRIEDLI. ALEXANDRA KUBAS-KRUKs Fiakermilli-Koloraturen perlen kraftvoll und strahlend, kein Wunder fallen die Lederhosen-Schuhplatter-Jungs am Ball reihenweise in Ohnmacht. ANETT FRITSCH debütiert in Zürich als Zdenka, burschikos, für meinen Geschmack etwas zu laut auftrumpfend. Arabellas Verehrer sind allesamt wohl glühende Nazis und somit das komplette Gegenteil des eher fremdländisch wirkenden Mandryka (NATHAN HALLER als Graf Elemer, YANNINCK DEBUS als Graf Dominik, BRENT MICHAEL SMITH als Graf Lamoral). Und natürlich immer wieder schön zu sehen und zu hören: PAVOL BRESLIK debütiert als Matteo mit strahlendem, in den Höhen kraftvoll-sicherem Tenor in dieser nicht einfachen Partie, überhaupt erscheinen bei Strauss die Männerpartien immer am anspruchsvollsten notiert. Am Pult der PHILHARMONIA ZÜRICH steht der Chef des Bruckner Orchesters Linz MARKUS POSCHNER, der es schafft, die vielen kleinen Farbtupfer und Feinheiten dieser Partitur herauszuarbeiten, das Blech ist in der besuchten Vorstellung absolut sicher (was in Zürich nicht immer der Fall ist), vor allem bei den Walzern schmissig und doch fein differenziert, als Zuschauer bin ich glücklich über keine allzu breiten Tempi. Eine durchweg schöne und hörenswerte Vorstellung, auch wenn „Arabella“ für mich nie die Qualität eines „Rosenkavaliers“ erreichen und immer ein seichterer, fast schon operettenhafter Aufguss desgleichen bleiben wird.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

7 Kommentare

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