Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

In der Regie von ANTÚ ROMERO NUNES zeigte das Theater Basel eine Aufführungsserie von „Die Mühle von Saint Pain“ nach Motiven der „Krabat“-Sage – eine interessante Mischung aus berührender Musik, einem hervorragenden Ensemble und vielen tiefenpsychologischen Andeutungen und Interpretationsmöglichkeiten. Quasi eine exhibitionistische Familienaufstellung. Auf ein Genre wollte man sich nicht festlegen und so nennt sich die Produktion „Schauspiel-Oper“…

Die sorbische „Krabat“-Sage hat bereits viele Bearbeitungen erlebt, am bekanntesten ist wohl Otfried Preußlers Jugendbuch von 1971, aber es gibt auch einige Filme, Musicaladaptionen, Kinderopern. Nun also am Theater Basel eine Umsetzung als „Schauspiel-Oper“ im grossen Haus aus der Feder der Basler Geschwister Anne und Lucien Haug. Hat man erst einmal die überinszenierten, gross ausgespielten ersten 30 Minuten hinter sich und die einzelnen Familienmitglieder kennengelernt, erlebt man einen wundersamen Theaterabend mit betörender Musikauswahl. Nach Krabats Selbstmord trifft man sich zur Beerdigung, nachdem sich die Geschwister in alle Winde zerstreut hatten, man redet miteinander und doch aneinander vorbei. Erst durch die Auferstehung der toten Krabat (eine der vielen Möglichkeiten des Theaters…) ist eine Rückkehr in die Vergangenheit, eine Aufarbeitung der Familiengeschichte möglich. Die Familie lebt in einer Mühle, gleichzeitig wohl auch als grosse Metapher zu verstehen, man reibt sich auf, gerät zwischen die Fronten, zerlegt sich, zersetzt sich, das Mahlwerk nimmt alles auseinander. Und jetzt wird es spannend, das Stück entfaltet seine Sogwirkung und nimmt den Zuschauer mit in das grosse Psychogramm. Sämtliche Familienthemen werden abgehandelt, von Streit und Geschwisterneid ist die Rede, von der Einsamkeit und Abwesenheit der Mutter – der Vater ist sowieso physisch komplett abwesend, Missbrauchsthemen stehen allgegenwärtig im Raum, nicht nur, wenn auf plakative Weise der übergrosse Schmusebär den wilden Kuscheltiger penetriert. Im beeindruckenden Bühnenbild von MATTHIAS KOCH kann man ein spielfreudiges, wandlungsfähiges Ensemble erleben – da ist Judith (HILKE ALTEFROHNE), die beruflich erfolgreiche Frau, die bei der Erziehung ihrer Tochter in die gleichen Muster verfällt, denen sie ausgeliefert war, der religiös-esoterische Bruder Simon (JAN BLUTHARDT) mit seiner Klangschalen-Frau im Priesterinnen-Look (BARBARA COLCERIU) und der in Südamerika als Musiker lebende Bruder Ruben (EDGAR ECKERT) bei dessen Geburt die Mutter verstarb. Sobald sämtliche Charaktere die heutige Zeit verlassen und in die Vergangenheit zurückdriften sind sie grossartig gezeichnet, authentisch, glaubwürdig, dem Sog der Geschichte kann man sich nicht mehr entziehen. Und über allem agiert die omnipräsente GALA OTHERO WINTER als Krabat, sie schreit und tobt und wütet und hat die Familie nach dem Tod der Mutter im Griff – hyperaktiv und einfach virtuos beherrscht sie ihre Geschwister und hält die Zuschauer in Atem. Nur Liebe findet sich nicht in diesem Haushalt. Im Untergrund der Mühle spielt die BASEL SINFONIETTA unter der Leitung von THOMAS WISE einen interessanten Mix aus bestehenden Musiken von Schostakowitsch bis Mahler und neu komponierten wundervollen Musiken/Songs von ANNA BAUER, es gibt wirklich grosse Momente, wie etwa die Mozartarie (toll ÁLFHEIDUR ERLA GUDMUNDSDÓTTIR als Mutter), ein zu Tränen rührendes Miserere von Allegri oder das immer wieder berührende Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie. Nach knapp 3 Stunden (inkl. Pause) schlagen die Familienmitglieder als Kometen auf einem Planeten ein, sie sortieren sich, die Familienbande lösen sich erneut, die nervige Gamer-Tochter Judiths (ELMIRA BAHRAMI) wird erwachsen, verlässt den Guckkasten und geht von nun an wohl eigene Wege, während im Hintergrund noch immer eine von Tinguelys Wundermaschinen scheppert (warum auch immer, schön ist es dennoch). Die Anreise zur Derniere dieses sehr speziellen Stücks nach Basel hat sich gelohnt, auch wenn viele Fragen unbeantwortet bleiben…

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

Cavalleria Rusticana/Pagliacci – Oper Zürich 26.01.2022

Don Giovanni – Oper Zürich 25.01.2022

Das Rheingold – Bühnen Bern 06.01.2022

„L’Auberge du Cheval blanc“ – Opéra de Lausanne 31.12.2021

„Anna Bolena“ Premiere – Oper Zürich 05.12.2021

„Il Trovatore“ – Oper Zürich 28.10.2021

„Salome“ – Oper Zürich 17.10.2021

„Œdipe“ – Opéra National de Paris 11.10.2021

8 Kommentare

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