Simone Lappert – längst fällige verwilderung.

Nun ist er da: Simone Lapperts erster Lyrikband. Und er ist wunderbar!

Nach den Romanen „Wurfschatten“ und „Der Sprung“ (mit dem sie 2019 für den Schweizer Buchpreis nominiert war) ist bei Diogenes nun der sehr schön gestaltete Lyrikband „längst fällige verwilderung“ erschienen. Man nimmt ihn zur Hand, blättert darin, bleibt sofort hängen und mag ihn gar nicht mehr weg legen. Man merkt sofort – das ist kein Schnellschuss, hier wurde lange gezögert. Und mit sich gehadert. Es hat sich gelohnt. Denn Simone Lapperts lyrische Gedanken sind fein, klug, zerbrechlich und äusserst sensibel. Und doch hat man bei einigen Seiten das Gefühl, dass sie spontan niedergeschrieben und unverändert gedruckt wurden. Unwiderruflich. Für die Ewigkeit. Es ist diese Klarheit, die mich als Leser und Lyrikfreund so begeistert, eins meiner Liebsten ist ein einfacher Zweizeiler: „auf dem parkplatz retten zwei menschen eine schnecke, immerhin das.“ – ist das nicht wunderbar? Diese vordergründige Einfachheit, die sich schnell als mehr entpuppt und manche Sätze dann fast schon alterskluge Lebensweisheiten sind und sich lesen lassen, als hätte es sie schon immer gegeben.

In Simone Lapperts Lyrik vermoosen Gedanken und leuchtet der Mond siliziumhell. Die Liebe schmeckt nach Quitte, die Katastrophe nach Erdbeeren, und die Dichterin fragt sich, fragt uns: ›sag, wie kommt man noch gleich ohne zukunft durch den winter?‹ Gedichte über Aufbrüche, Sehnsüchte, Selbstbestimmung und die fragile Gegenwart. Alle Sinne verdichten sich, aller Sinn materialisiert sich in diesen Texten voller Schönheit, Klugheit und Witz. (Diogenes Verlag)

Sofort hat man den Eindruck, dass es ein sehr persönlicher Lyrikband ist, der lange in Simone Lappert gebrodelt, geschlummert hat, bis er nun endlich kraftvoll geboren wurde. Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Und das ist auch gut so. Man ist beeindruckt von der Sehnsucht nach dem Sommer, nach der Wärme, nach dem Licht. Und manchmal sogar von dem Witz, den das Leben auch bietet. Nach Kathrin Niemelas Debüt „wenn ich asche bin, lerne ich kanji“ ist Lapperts „längst fällige verwilderung“ nun bereits der zweite beglückende Lyrikband des Frühjahrs 2022. Auch wenn das abgedroschen klingen mag, bei all der Zartheit, hat dieser Lyrikband eine emotionale Wucht, die gleich zu Beginn packt und umwirft. Man möchte das Bändchen am liebsten immer bei sich tragen, um es immer einmal wieder bei Bedarf zur Hand nehmen zu können. Bei all den schrecklichen Nachrichten im aktuellen Tagesgeschehen auf diesem Planeten kann man darin versinken, für einige Momente alles vergessen. Das ist schön. Und übrigens – das Bändchen ist nicht nur für Lyrik-Liebhaber eine tolle Anschaffung, es ist auch eine wunderschöne Geschenkidee…

„längst fällige verwilderung“ von Simone Lappert, 2021, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07189-4 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Diogenes Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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9 Kommentare

    1. arcimboldis_world

      Ich lese ja auch nicht so viel Lyrik, aber ab und zu fällt mir tatsächlich ein Bändchen in die Hände, was ich dann immer mal wieder hervorkrame und darin schmökere, wunderbar ist dieser Band von Simone Lappert. Enjoy und herzlichsten Gruss aus Zürich. A.

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