Nino Haratischwili – Das mangelnde Licht.

Darauf hat man lange gewartet – der neue Roman von Nino Haratischwili ist da!

Vor dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Krieges, des Einmarschs russischer Truppen in ein friedliches Land, das nichts anderes möchte, als unabhängig zu sein und dies auch zu bleiben, liest sich „Das mangelnde Licht“ absolut politisch und noch spannendender, als es eh schon ist. Haratischwili ist eine grossartige Erzählerin und schafft es einmal mehr, den Leser sofort mit auf die Reise nach Georgien zu nehmen, einem Land, das auf mich eine grosse Faszination ausübt und das ich schon seit „Das achte Leben (für Brilka)“ bereisen will. Ein Roman, der ihren Welterfolg begründete und der mittlerweile in über 20 Sprachen erschienen ist.

Nach der lang ersehnten Unabhängigkeit vom ins Taumeln geratenen Riesen stürzt der junge georgische Staat ins Chaos. Zwischen den feuchten Wänden und verwunschenen Holzbalkonen der Tbilisser Altstadt finden Ende der 1980er Jahre vier Mädchen zusammen: die freiheitshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira, die romantische Nene, Nichte des mächtigsten Kriminellen der Stadt, und die sensible Keto. Die erste große Liebe, die nur im Verborgenen blühen darf, die aufbrandende Gewalt in den Straßen, die Stromausfälle, das ins Land gespülte Heroin und die Gespaltenheit einer jungen Demokratie im Bürgerkrieg – allem trotzt ihre Freundschaft, bis ein unverzeihlicher Verrat und ein tragischer Tod sie schließlich doch auseinandersprengt. Erst 2019 in Brüssel, anlässlich einer großen Retrospektive mit Fotografien ihrer toten Freundin, kommt es zu einer Wiederbegegnung. Die Bilder zeigen ihre Geschichte, die zugleich die Geschichte ihres Landes ist, eine intime Rückschau, die sie zwingt, den Vorhang über der Vergangenheit zu heben und eine Vergebung scheint möglich. (Frankfurter Verlagsanstalt)

Zugegeben, auch dieser Roman von Haratischwili mit seinen 832 Seiten ist ein dicker Wälzer. Aber – und das ist das Schöne an ihren epischen Erzählungen – keine der Seiten ist zu viel. Zu Beginn werden ausführlich die vier Protagonistinnen Keto, Dina, Ira und Nene vorgestellt, ihre Familien, ihre Herkunft, der Beginn ihrer Freundschaft. Immer wieder ein Wechsel zwischen den Zeitebenen – Die Wiederbegegnung an der Vernissage und die Vergangenheit. Und es ist einmal mehr ein Lektion in georgischer Geschichte. Subtil wird ein Ereignis angekündigt, das ein einschneidendes Erlebnis für alle Protagonisten sein muss, man ist gespannt. Und liest sich Seite um Seite in der Geschichte voran. Einmal mehr – ganz grosses Kino, dieser neue Roman von Nino Haratischwili. Und am Hamburger Thalia Theater bereits als Bühnenfassung in der Regie von Jette Steckel zu sehen.

„Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili, 2022, Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002930 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei der Frankfurter Verlagsanstalt sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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6 Kommentare

  1. Alexander Carmele

    Bei mir liegt auch noch Tamar Tandaschwili „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ auf dem Tisch, und nun scheinbar ein weiterer Roman über Georgien. Ein 832-seitiges Buch, bei dem keine Seite zu viel ist, erstaunt und macht mich neugierig. Ich werde mal hineinlesen. Vielen Dank für den Tipp und Gruß in den Sonntag hinein.

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    1. arcimboldis_world

      Hello – mir haben eben schon die anderen beiden grossen Romane von Nino Haratischwili – die ja auch recht umfangreiche Seitenanzahl haben – sehr gut gefallen. Natürlich gibt es immer mal ein paar Seiten, die man rasch liest, aber Haratischwili ist für mich immer ein Page-Turner, packende Geschichte, gute Charaktere, viel Interessantes über Georgien. Ich bin ganz angetan. Grüsse aus Zürich! A.

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