Susanne Wiedmann – Cranko, Haydée – und ich, George Bailey.

Die Tübinger Kulturjournalistin Susanne Wiedmann hat beim Kröner Verlag eine Biografie des Pianisten George Bailey veröffentlicht. Selbst wenn man sich für Tanz, Ballett und weltbekannte Choreografen interessiert, hat man von ihm wohl eher noch nichts gehört, lesenswert ist es dennoch…

Viele Zeitzeug:innen und Weggefährt:innen George Baileys berichten in dieser äusserst unterhaltsamen Biografie und lassen die grossen Zeiten des Stuttgarter Balletts Revue passieren, berichten von John Cranko, Marcia Haydée, John Neumeier, Maurice Bejart, Friedemann Vogel – ein wenig viel Name-Dropping ist das schon, aber genau aus diesem Grund liest man das. Im Grunde ist diese Veröffentlichung ein umfangreiches Interview der Autorin mit Bailey im lockeren Plauderton, versehen mit Fakten, Anekdoten, Zeit- und Kulturgeschichte, manchmal mit leichter Tendenz zum oberflächlich-plapperigen. Wer eine Affinität zu Tanz hat, für den lohnt es sich, den mit viel Bildmaterial versehenen Band von Susanne Wiedmann auf seinen Lesestapel zu legen und voller Freude darin zu schmökern.

Das Stuttgarter Ballett, höchste Kunst und Leichtigkeit auf der Bühne, anstrengender Alltag im Ballettsaal. Über 40 Jahre begleitete George Bailey als Pianist und Korrepetitor das Training, die Proben der Tänzerinnen und Tänzer. Mit seinem Spiel rettete er sie durch lange, harte Tage. Mit Herz und Hingabe schuf er eine einzigartige Atmosphäre, statt Klassik spielte er lieber Jazz. 1972 hatte ihn der legendäre John Cranko in seine Kompanie geholt, Bailey wurde zu ihrem Liebling, weltbekannte Choreografen wie John Neumeier und Maurice Béjart wollten nur mit ihm als Pianisten arbeiten. Aber dabei blieb es nicht: Seine Ausstrahlung und sein schauspielerisches Talent brachten sie dazu, ihm eigene Rollen zu schaffen: Cranko im Schwanensee, Haydée in Giselle, Neumaier in Die Kameliendame. Das Publikum jubelte. George Bailey ist eine Persönlichkeit. Seine Strahlkraft reicht weit. (Kröner Verlag, Edition Klöpfer)

Unkompliziert und locker flockig erzählt Autorin Susanne Weidmann von Baileys Herkunft, seiner Familie, seinem Werdegang, gleichzeitig ist es natürlich auch einmal mehr ein Bericht der erschütternden Lebensumstände von persons of colour in Amerika und weltweit. George Morrison, Baileys Grossvater war in den USA ein bekannter Musiker, an die Spitze konnte er nie gelangen, Bailey selbst sagt: „Seine Karriere hätte anders verlaufen können, wenn er kein Farbiger gewesen wäre“, das weiss man aus vielen anderen Biografien und hat sich heutzutage etwas verbessert, dennoch ist man immer noch und immer wieder schockiert, dies zu lesen – was für eine Vergeudung an Talent. George Baileys Leben ist und war erfüllt von spannenden Begegnungen, sowohl für ihn, als auch für die Menschen in seinem privaten und beruflichen Umfeld. Man liest sich durch die Seiten und erfährt über seine kleinen Nebenrollen, den Probenalltag des Balletts und sein Gespür für Stimmungen unter Kolleg:innen im Alltag. Für viele Kolleg:innen war er nicht nur Inspiration und Klavierbegleitung, er war ein Freund und Sonnenschein. Und wenn auf der Rückseite des Buches Marcia Haydée zitiert wird, so kann man dem wohl nur zustimmen: „George Bailey hat nicht nur Klavier gespielt. Er hat uns verstanden. Er hat uns Kraft gegeben“.

„Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“, 2021, Kröner Verlag, Edition Klöpfer, ISBN: 978-3-520-75801-9 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Kröner Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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9 Kommentare

  1. Alexander Carmele

    Klavier ist schon ein besonderes Instrument, weil es zweistimmig, zweihändig, manchmal sogar vierhändig gespielt wird und Rhythmus und Melodie ineinander verschmelzen, dass ganze Welten sich öffnen. Ich habe von Bailey noch nicht gehört, aber dieser letzte Satz, dass er nicht nur Klavier spielte, sondern das Verstanden-Werden verklanglichte, überzeugte mich sofort. Schöner Buchtipp. Musik hört einfach nicht auf zu bezaubern!

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    1. arcimboldis_world

      Ja, so ist das. Musik bedeutet mir sehr viel, das ist auch der Grund, warum ich permanent in Konzerten, in der Oper etc. sitze und mich diesem Genuss hingebe, diesem Klang, das bedeutet mir viel und gibt mir immer wieder Kraft und Energie, zu Hause höre ich – warum auch immer – nicht mehr so viel Musik, sondern geniesse die Stille. Aber wenn doch, dann ziemlich laut. Mir hat diese Biografie so gut gefallen, weil man so sehr diese Hingabe spürt und Lust hat, diesem Menschen George Bailey zu begegnen, also mir ging das so. In diesem Sinne noch einen schönen Sonntag! Herzlichst aus Zürich. A

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