The Rape of Lucretia – Luzerner Theater 13.05.2022

Die Fahrt ans Stadttheater Luzern lohnt sich in der Regel, denn kleinere Häuser wagen mehr und zeigen häufig Produktionen, die auf grossen Bühnen untergehen würden oder in einer Studiobühne irgendwo im Keller zu sehen wären…

Das Luzerner Theater zeigt Benjamin Brittens frühe und eher selten gespielte Kammeroper „The Rape of Lucretia“ mit einem hervorragend besetzten Ensemble und in einer absolut sehenswerten Inszenierung der Videokünstlerin und Regisseurin SARAH DERENDINGER. Es sind die grossartig gefilmten Bilder und Close-Ups, die hängen bleiben und sich ins Gedächtnis einbrennen, die man mit nach Hause nimmt. Und es ist eine zukunftsweisende Entscheidung des Luzerner Theaters programmatisch pro Saison eine Videokünstler:in mit einer Inszenierung zu betrauen. Für Sarah Derendinger ist es quasi ein Heimspiel, sie stammt aus Luzern, ist jedoch international erfolgreich unterwegs, ihre Videos sind in unzähligen grossartigen Produktionen zu sehen, häufig in den Arbeiten Calixto Bieitos, ihre Handschrift ist unverkennbar (grossartig u.a. „L’incoronazione di Poppea“ in Zürich oder „Guerre et Paix“ am Grand Théâtre de Genève). Und auch als Regisseurin schafft sie es, das Medium Film sinnvoll zu integrieren, ohne dass es zu sehr dominiert. Dennoch ist einmal mehr klar, wie stark wir von Bildern manipuliert werden. In Zeiten von Fake News und Social-Media-Reizüberflutung muss man sich auch hier die Frage stellen, was ist real und was ist gewollt manipulativ. Es geht um die Schändung einer Frau, die an die wahre und reine Liebe glaubt, als Zuschauer sieht man ein etwas differenzierteres Bild. Das irritiert. Was ist die Wahrheit und was ist Fake? Lucretias Tränen in der Videoprojektion beim Saaleinlass sind echt, hier handelt es sich um Collatinus (CHRISTIAN TSCHELEBIEW) misshandelte Frau, die sich Tarquinus Superbus, Prinz von Rom, auf brutale Weise bei einem Besuch in Abwesenheit ihres Mannes genommen hat. Letztendlich aber wird dieses Verbrechen selbst von Lucretia Mann politisch instrumentalisiert – so läuft das eben. Fadenzieher und Kommunikationsexperte Junius (SEBASTIÀ PERIS) zieht hier seine Fäden. Dagegen hilft nur eines: das Thema der Vergewaltigung ebenfalls in die Öffentlichkeit tragen und mit plakativen Aktionen breit zu diskutieren, wie dies von der Aktionistinnengruppe „Femen“ geschieht, Sarah Derendinger zeigt dies in einem sehr plakativen und – wie ich finde – unnötigem Schlusstableau. Das Tolle am Luzerner Haus ist die Nähe zur Bühne, man ist mittendrin und erlebt das Geschehen mittelbarer, als an einem grossen Haus – das ist auch die Qualität dieser Aufführung. Die 13köpfige kammermusikalische Besetzung des Orchesters unter der Leitung von JESSE WONG trägt dieses exzellent besetzte Ensemble, alle singen derart textverständlich, dass sich ein Blick zur Übertitelung oftmals erübrigt und man sich ganz auf das intensive Bühnengeschehen einlassen kann. SOLENN LAVANANT LINKE ist eine Lucretia mit unglaublicher Präsenz und Intensität, die Qualen ihrer Demütigung sind bis in die letzten Reihen spürbar, ebenso VLADYSLAV TLUSHCH als Verführer Tarquinius, der vom charmanten Tattoo-übersätem Beau zum dominanten Macho wird und sich brutal nimmt, was er begehrt – kraftvoll im Spiel und mit wunderbar-strahlendem Bartion. Hilflos und mitfühlend TANIA LORENZO als Dienerin Lucia mit glockenhellem Sopran und MARCELA RAHAL als Lucretias Amme Bianca. Die Handlung wird erzählt und kommentiert von EYRÚN UNNARSDÓTTIR (female Chorus) und ROBERT MASZL (male Chorus). Zu Beginn muss man sich auf dieses Stück einlassen (können), dann packt es und lässt nicht mehr los. Starke Geschichte, starke Bilder.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

Girl with a pear earring – Oper Zürich 08.05.2022

Das Rheingold – Oper Zürich 03.05.2022

Rigoletto – Oper Zürich 18.04.2022

Macbeth – Oper Zürich 29.03.2022

A quiet place – Opéra National de Paris 24.03.2022

L’Olimpiade – Oper Zürich 16.03.2022

Die Mühle von Saint Pain – Theater Basel 06.03.2022

Dialogues des Carmélites – Oper Zürich 27.02.2022

Dialogues des Carmélites – Premiere Oper Zürich 13.02.2022

Ein Kommentar

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