Frédéric Martel – Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan.

Ein reisserischer Titel und mit dem Hammer auf den Tisch geknallter Faktensalat machen noch keinen Bestseller und die meisten „skandalösen“ Geheimnisse, die der französische Soziologe und Publizist Frédéric Martel zu enthüllen glaubt, weiss man doch eh oder kann man sich denken…

Schon der Roman des sehr umstrittenen Autors Roger Peyrefitte von 1956 „Die Schlüssel von Sankt Peter“ (oder „Die rote Soutane“ von 1986) plaudert munter und ganz amüsant über das bunte Treiben im Vatikan – ist doch klar, dass in dieser geschlossenen Männergesellschaft ein hoher Anteil schwuler Männer sich versteckt und tummelt. Prekär ist einfach die bigotte Doppelmoral dieses Vereins. Natürlich hat man als schwuler Mann einen „Gaydar“ und erkennt in der Regel andere schwule Männer, aber viele Behauptungen Martels sind einfach nicht glaubwürdig und nach anfänglich amüsant-interessiertem Schmökern in diesem „Enthüllungsbuch“, welches zeitgleich in über 20 Ländern und rechtzeitig zum „Missbrauchsgipfel“ des Vatikans erschien, verliert man schnell die Lust weiterzulesen, erfährt man doch immer wieder die gleichen „pikanten Details“, die man sich eh schon gedacht hat und das auf 672 Seiten aufgeblasene Buch verkommt zu einer Klatsch und Tratsch – Ausgabe: mit wem der Autor wo und wie oft gesprochen und gegessen hat (in schicken grossen Apartments der Kardinäle in Rom…) und was er wie und wo Neues erfahren hat (über 4 Jahre Recherche, über 1500 Gespräche mit mehr als 40 Kardinälen und über 50 Bischöfen…). Welcher Papst schwul war (huh – das waren einige…) und vor allem die These, dass je stärker die Homophobie einer Person, umso grösser die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person schwul ist. Das kann man nachvollziehen und stimmt wohl grossenteils auch (in der Politik kann/konnte man das auch schon immer beobachten), aber irgendwann langweilt einfach diese Art der etwas sensationsheischenden Lektüre. Und sicherlich ist es richtig, dass sich viele Schwule in den Dienst der Kirche begaben, weil sie nur dort (vermeintlich unerkannt) ihre Sexualität ausleben konnten, aber in heutigen Zeiten ist das etwas weit hergeholt, zumindest in aufgeklärten Ländern.

Eine fesselnde Reportage aus dem Innersten des Vatikans: Der französische Journalist Frédéric Martel beschreibt, wie katholische Priester, Kardinäle und Bischöfe die rigide, homophobe Sexualmoral verteidigen. Obwohl die meisten von ihnen selbst homosexuell sind. Warum diese Doppelmoral? Warum wird so hartnäckig geschwiegen, warum wird gegen Papst Franziskus intrigiert, den ersten Papst, der homophobe Positionen lockern will? Dahinter steckt ein weltweiter Machtzirkel homosexueller Priester und Würdenträger, die sich selbst als die »Gemeinde« bezeichnen. Sie verhindern jede Liberalisierung, um ihr Doppelleben zu schützen: Ob es um Kondome geht, um die gleichgeschlechtliche Ehe oder die wichtigste Bastion: das Zölibat. Auch das Schweigen über sexuellen Missbrauch ist Teil dieses Systems. Ein Buch, mit dem Martel die Geschichte des Vatikans seit den 1970er Jahren neu schreibt. Er zeigt die Pontifikate von Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus in gänzlich anderem Licht. Grandios geschrieben, hautnah, spannend wie ein Roman über Macht und Intrigen im Vatikan. (S. Fischer Verlag)

Für den schwulen Leser ist das Buch etwas langweilig, für gläubige Katholiken vielleicht etwas shocking oder irritierend? Nein, wohl nicht. Martel schreibt nichts Neues, nichts, was man nicht schon wusste. Ärgerlich ist einfach, dass dieser nach aussen immer noch meist homophob auftretende Verein in Rom selbst zu einem Grossteil aus schwuler Community besteht. So etwas macht mich wütend und ärgerlich. Wer sich näher damit befassen möchte und auf Gay-Name-Dropping der Kurie steht, sollte das Buch lesen, wirkliche Neuigkeiten erfährt man nicht. Ich würde sagen: Viel Lärm um Nichts…

„Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“ von Frédéric Martel, S. Fischer Verlag, 2019, ISBN: 978-3-10-397483-6 (Werbung) 

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim S. Fischer Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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