Cosi fan tutte – Oper Zürich 08.11.2019

2018 brachte Regisseur KIRILL SEREBRENNIKOV während seines Hausarrestes in Russland via Anwalt und zusammen mit seinem engen Mitarbeiter und in diesem Fall Co-Regisseur EVGENY KULAGIN (der vor Ort in Zürich weilte) die letzte von Mozarts da Ponte – Opern „Cosi fan tutte“ am Zürcher Opernhaus heraus, eine grossartige Produktion und erstaunliche Leistung aller Beteiligten – ein Glücksgriff, dass Intendant Andreas Homoki daran festhielt und diese „Fern“-Inszenierung Serebrennikovs ermöglichte (auch als politisches Statement)…

„Cosi fan tutte“, für mich bisher immer ein eher dahinplätschernder langwieriger (um nicht zu sagen langweiliger) Abend – auch weil inhaltlich-szenisch doch eine grosse Herausforderung – hat mich nun endlich einmal wirklich beglückt. Serebrennikov verzichtet auf die – meist absolut alberne – Verkleiderei von Ferrando (ALEXEY NEKLYUDOV) und Guglielmo (KONSTANTIN SHUSHAKOV), lässt sie in den Krieg ziehen und doubelt mit zwei scharfen albanischen Machos (Sempronio = FRANCESCO GUGLIELMINO und Tizio = MENTOR BAJRAMI) – offen bleibt, ob sie dort tatsächlich sterben oder auch das nur fingiert ist. Selten hat man so klar und deutlich den Zwiespalt gesehen zwischen dem Wunsch nach Treue und dem Ausleben der Lust. Die Standhaftigkeit der Damen fällt relativ schnell. Schlau gelöst mit zwei Ebenen und Videoprojektionen. Auch sonst hat Serebrennikov noch einiges mehr zu sagen zu den Themen Frauenrechte, Gleichberechtigung, Emanzipation, althergebrachte Frauenbilder und natürlich Momentaufnahmen urbanen Lebens mit Selfie-Sessions am Crosstrainer oder Hilfestellung durch Psychotherapie  (mit Despina als Therapeutin) – immer absolut glaubwürdig und authentisch, alles löst sich ein, ist stimmig und stellenweise sogar sehr komisch. Zwar war zu Lasten ihrer sehr überzeugenden Rollenportraits vor allem bei den beiden weiblichen Protagonistinnen ANNA GORYACHOVA als Dorabella (mit mächtiger Mezzo-Kraft) und RUZAN MANTASHYAN als Fiordiligi nicht unbedingt immer Mozart-„Schöngesang“ zu hören, aber das nimmt man bei dieser sehr unterhaltsamen und absolut glaubwürdigen Umsetzung gerne in Kauf.  In Serebrennikovs Inszenierung gibt es so viele kleine wunderbare Details zu beobachten, etwa bei den Liebesduetten im zweiten Akt, wenn Dorabella (als es zur Sache geht) ihr Gewissen mittels eines beleuchteten Neon-Kruzifixes einfach ausschaltet, während die zögerliche Fiordiligi sich hilfesuchend einen Stock tiefer daran klammert (letztendlich dann aber doch schwach wird) oder die Don Giovanni-Komtur-Anklänge für den köstlich zwielichtigen Don Alfonso von MICHAEL NAGY. Die oftmals interessanten Continue-Akzente kommen von ANDREA DEL BIANCO aus dem Graben. Komplettiert wird das Ensemble durch die wandlungsfähige REBECA OLVERA als Despina, herrlich unter anderem in ihrer Verkleidung als Arzt mit Trommel und grossem Tamtam. Das ersehnte Glück erhalten die beiden – auch in knappen Dessous knackigen – Mädels nicht, stattdessen werden sie quasi an ihre Macho-Männer mittels starr-steifen Balkan-Trachten im Rahmen einer (wohl muslimischen) Hochzeitszeremonie gefesselt – selber schuld! Schlüssiges Finale, denn es „machen eben nicht nur alle Frauen“ – sondern „Cosi fan tutti„. Die absolut treffsicheren Kostüme und die beeindruckende Ausstattung sind ebenfalls von Kirill Serebrennikov. Am Pult der besuchten Vorstellung stand OTTAVIO DANTONE, der bereits bei Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ oder Vivaldis „La verità in cimento“ eine hervorragende Arbeit geleistet hat und auch hier aus dem Graben perlende Mozartklänge zaubert. Eine tolle und kurzweilige Produktion!

Zuletzt besuchte Vorstellungen:

„Die Sache Makropulos“ – Oper Zürich 6.10.2019

„La Traviata“ – Oper Zürich 29.09.2019

„Nabucco“ – Oper Zürich 24.09.2019

„Al gran sole carico d’amore“ – Theater Basel 22.09.2019

„Einstein on the Beach“ – Grand Théâtre de Genève 13.09.2019

„Elektra“ – Oper Zürich 15.07.2019

3 Comments

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