Simon Boccanegra – Premiere (livestream) – Oper Zürich 6.12.2020

Eher selten im Spielplan und eine grosse Herausforderung für die Titelrolle ist Verdis Oper „Simon Boccanegra“, die nun am Zürcher Opernhaus unter Corona-Schutzmassnahmen und mit nur 50 Zuschauern (wer auch immer das gewesen sein mag….?) Premiere hatte…

CHRISTIAN GERHAHER, der in Zürich bereits einen fulminanten „Wozzeck“ gab und ebenda als Lenau in Holligers „Lunea“ brillierte, debütiert als Simon Boccanegra, legt allerdings konzeptionell keinen grossen Wert auf reinen Schöngesang, vielmehr zeigt er die Zerbrochenheit dieser hochkomplexen Rolle, sowohl musikalisch als auch darstellerisch. Grossartig auch die weiteren Debütant*innen JENNIFER ROWLEY (als Amelia Grimaldi) – anfangs noch etwas angestrengt, später freigesungen mit wunderbaren Phrasierungen – und CHRISTOF FISCHESSER mit seinem profunden Bass als Boccanegras dominanter Gegenspieler Jacopo Fiesco. OTAR JORJIKIA als Adorno klingt vor allem im zweiten Teil nach der Pause etwas angestrengt. Toll: NICHOLAS BROWNLEE als Paolo! Soweit man das über das Medium Lifestream im TV beurteilen kann, (noch dazu, wenn Chor und Orchester von der Probebühne live zum Geschehen im Opernhaus übertragen werden) klingt das Dirigat FABIO LUISIs für meinen Geschmack hervorragend mit viel Betonung auf die dunklen, düsteren Elemente in dieser facettenreichen Musik des „Simon Boccanegra“. Hinter der musikalischen Leistung dieser Premiere bleibt die szenische Realisation von Hausherr ANDREAS HOMOKI etwas zurück – solide, aber nichts aufsehenerregendes. Das Bühnenbild eine typische, eher zeitlose CHRISTIAN SCHMIDT/FRANK EVIN – Ausstattung, fast ein wenig beliebig. Das Innere eines Hauses, viele Räume, viele Türen, diverse Möbel und plakative Elemente (etwa ein Schiffswrack als Andeutung von Boccanegras Karriere vor dem Dogenpalast….) – durch die Drehbühne aber multifunktional und mit schönem Licht, so spart man sich oft mühsame Umbaupausen. Die Kostüme wohl anfangs 20. Jahrhundert angesiedelt (ebenfalls von Christian Schmidt), mit leicht faschistischen Zitaten (…die obligatorischen schwarzen Schaftstiefel bei den Männern), Amelias Ausstattung ziemlich bieder und zugeknöpft. Seltsamerweise hatte man das Gefühl, dass Amelia und Boccanegra im gleichen Alter sind, das hat doch etwas irritiert. Der Chor singend auf der Probebühne (mit dem Orchester), auf der Bühne bei den wenigen Auftritten von der Statisterie mit Mund-Nasen-Bedeckung gedoubelt. Ohne die grossen Chortableaus wirkt das Stück stellenweise eher wie ein Kammerspiel, was dem Ganzen sehr gut tut und eine Konzentration auf die einzelnen Figuren zulässt. Während also diese Premiere musikalisch auf hohem Niveau stattfindet, bleibt Homokis Inszenierung seltsam unberührend, konventionell, eher düster und trist – vielleicht auch ein Zeichen der immer noch überall vorherrschenden Corona-Pandemie. Lobenswert jedoch die Entscheidung der Oper Zürich, nicht schon wieder alles abzusagen, sondern diese Premiere zu spielen und live zu übertragen – auch wenn dadurch natürlich viel von der Intensität und Energie einer live besuchten Vorstellung verloren geht….

Letzte Opernerlebnisse:

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„Wozzeck“ – Oper Zürich 09.02.2020

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„Cosi fan tutte“ – Oper Zürich 8.11.2019

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10 Kommentare

  1. kulturbowle

    Dank ARTE durfte ich gestern auch die Züricher Oper (wenn auch nur im Fernsehen) genießen 🙂 und ich bin absolut begeistert von diesem „Simon Boccanegra“ – die Musik ist wunderbar (eine technische Meisterleistung auch die Abstimmung zwischen Orchester/Chor im Probensaal und den Akteuren im Opernhaus). Vor allem aber fand ich Christian Gerhaher wirklich herausragend in dieser großen und schweren Partie. Ganz große Oper und ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für alle Opernliebhaber!

    Gefällt 1 Person

Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren

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