Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel – Badisches Staatstheater Karlsruhe 30.04.2022

Zu Besuch in Karlsruhe, ein Abend im Badischen Staatstheater bietet sich an, wir haben uns für „Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel“ entschieden. BRIDGET BREINER, seit 2019 Ballettdirektorin und Chefchoreografin in Karlsruhe, hat dieses Stück bereits 2013 für das Ballett im Revier Gelsenkirchen erarbeitet und zeigt es nun in einer Neufassung im Grossen Haus des Badischen Staatstheaters…

Ein wenig altbacken wirkt sie stellenweise schon, die Choreografie, die aus einer unentschiedenen Mischung von klassischem Tanz und moderneren Jazztanz-Elementen besteht und für mich keine eigene Handschrift zeigt. Sehenswert ist dieses Handlungsballett dennoch – es ist ein interessanter Perspektivenwechsel in der Erzählung des Klassikers Aschenputtel: Nicht Clara (das Aschenputtel) steht im Mittelpunkt, sondern Livia, eine der Töchter, die von der Stiefmutter mit in die Familie gebracht wurde. Es ist nicht nur eine neu Sichtweise, es ist auch eine Geschichte über Emanzipation, Selbstfindung und Befreiung aus familiären Zwängen ohne den üblichen Märchen-Kitsch und grossen Ball-Glamour. Getanzt wird vom männerlästigen Ensemble sehr solide, es ist die letzte Vorstellung des Balletts in dieser Spielzeit und im Saal sind offensichtlich viele Fans und Ballett-Aficionados, wie man beim Schlussapplaus unweigerlich merkt. Sicherlich ist das Pas de Deux am Ball von Clara und ihrem „Prinzen“ zur Musik von Camille Saint-Saëns („Mon coeur s’ouvre à ta voix“ aus „Samson und Dalila“ in einer Bearbeitung für Klavier) einer der tänzerischen Höhepunkte und ein sehr berührender Moment. Breiner siedelt das Ballett in einer Mischung aus amerikanischem Bergarbeiter-Milieu und Ruhrpott an, das macht Sinn, wenn man bedenkt, wo das Stück entstanden ist (Musiktheater im Revier Gelsenkirchen). Zu hören sind neben Fragmenten aus Strauss‘ „Aschenbrödel“-Ballett und Saint-Saëns auch Musiken und Songs von Nina Simone oder Woody Guthrie sowie moderne Kompositionen für Akkordeon von MARKO KASSL, die hervorragend die oftmals wehmütig-melancholische Stimmung transportieren. Es ist kein leichtes Leben für die Grubenarbeiter, so viel ist klar – für die Mädchen und Frauen, in dieser männerdominierten Welt umso weniger. Der Schmutz, der Kohlestaub, der harte Alltag der Kumpels, dieses mühevolle Leben dringt bis in die saubersten Kleidungsstücke, die knochenharte Arbeit ist allgegenwärtig und lässt wenig Platz für schöne Dinge. Dennoch kann die Liebe blühen, Livia sich zum Schluss selbstbewusst behaupten und aus dem Schatten ihrer Schwester treten. Ein gelungenes Handlungsballett mit Tiefgang, befreit vom Märchenkitsch, getanzt von einem guten Ensemble, die teilweise – so liest man – das Stück bereits in Gelsenkirchen getanzt haben. Toll: FRANCESCA BERRUTO als Livia, RITA DUCLOS als Clara, NAMI ITO als Sophie und ALBA NADAL als Mutter (von Livia und Sophia), stark auch bei den männlichen Solisten: JOSÉ URRUTIA als Vater und LEDIAN SOTO als gestählter Arbeiter Mitch, der dann wohl doch noch für ein „happy end“ in Livias Leben sorgt.

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

Angels‘ Atlas – Ballett Zürich 08.04.2022

Hofesh Shechter: Uprising/In your Rooms – Ballet de l’opéra national de Paris 27.03.2022

Monteverdi – Ballett Zürich 04.02.2022

COW/Alexander Ekman – Theater Basel 21.11.2021

Double Murder/Hofesh Shechter Company – Théâtre du Châtelet Paris 13.10.2021

PLAY/Alexander Ekman/Ballet d’opéra de Paris – Palais Garnier 10.10.2021

Marina Otero: FUCK ME – Zürcher Theater Spektakel 28.08.2021

Walking Mad – Ballett Zürich 22.05.2021 (Clug/Inger)

Sadler’s Wells Global Gala – (Stream) 05.12.2020

Basso Continuum/7 Danses Greques – Béjart-Ballett – Opéra de Lausanne 11.10.2020

5 Kommentare

  1. Alexander Carmele

    Das hört sich nach einem Ballett an, dass ich sehr gerne sehen würde. Ich werde mal schauen, ob es in der Nähe von Berlin aufgeführt wird. Sehr guter Tipp. Ich bin sehr neugierig.

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Diesen Beitrag von arcimboldis_world kommentieren

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