Double Murder/Hofesh Shechter Company – Théâtre du Châtelet Paris 13.10.2021

Eine Vorstellungsserie von „Double Murder“ dem neuen Abend der HOFESH SHECHTER COMPANY in Paris und wir sind vor Ort – nichts wie hin! Die Vorstellungen sind nahezu ausverkauft. Das ist kein Wunder – denn wer schon mal ein Stück des britisch-israelischen Choreografen HOFESH SHECHTER gesehen hat, weiss wie viel Kraft in seinen Stücken steckt…

Als Gastspiel-Opener im Pariser Théâtre du Châtelet zeigt die Company zunächst eine witzig-spritzige Variante des Offenbach’schen „Can-Can“, als kleines Dankeschön an das französische Publikum sozusagen. Der erste Teil des Doppelabends: „Clowns“ – ein Stück, 2016 für das NDT konzipiert, später von der BBC als Film umgesetzt, wie immer mit den treibenden kraftvollen Beats des Choreografen himself. In „Clowns“ stellt die Company uns die Frage, wie weit Entertainment gehen darf, gehen kann – es werden Grenzen ausgelotet und auch überschritten. Das Stück zeigt einen Spagat des guten Geschmacks, Konkurrenten werden gnadenlos ausgeschaltet, ermordet in den für Hofesh Shechter so kraftvollen Ensembles und eher wenig solistischem Tanz. Das ist die Stärke Hofesh Shechters – diese treibenden Musiken und die oftmals willkürlich aussehenden Menschenknäuel, die sich im Gegenlicht und Bühnennebel finden und wieder auflösen, mal absolut synchron, mal im chaotischen Durcheinander. Und dazu immer wieder Zitate und Anleihen – so scheint es – bei diversen Volkstänzen und traditionellen Ritualen. Dazu passt das sehr schöne Kostümbild von CHRSTINA CUNNINGHAM, eine interessante Mischung aus Zirkus, Bäuerlichkeit, Country und Western, könnte aber auch den Zeiten der französischen Revolution entsprungen ein.

Es ist noch nicht so lange her, seit die Company mit „Grand Finale“ auf Tour war – im Dezember 2019 habe ich die Produktion im Theater Winterthur gesehen, da war noch nicht klar, was pandemisch auf die ganze Welt zukommen würde. Die Welt würde still stehen und uns alle einer komplett neuen und nie gekannten Situation aussetzen. Und genau das hat Hofesh Shechter in seinem neuen Stück „The Fix“ verarbeitet. Es ist der krasse Gegensatz zum mörderischen ersten Teil des Abends: zerbrechlich, sensibel, feinfühlig, immer nah an den grossen Gefühlen, die diese neuartige Situation in uns allen ausgelöst hat. Shechter zeigt den Wunsch nach Nähe, den Wunsch nach Geborgenheit, den Wunsch sich gemeinsam zu schützen und zu überleben. Aber auch das „zu viel“ in dieser Ausnahmesituation. Die Szenerie erscheint häufig wie in Watte gepackt und isoliert, erst am Ende wagen sich die Tänzer:innen mit Maske ins Publikum, es gibt erlösende Umarmungen mit Zuschauern, es ist das Ende der Isolation, das Ende des Alleinseins. Es ist ein Stück der Zärtlichkeit, gemeinsamer Nähe und der Hoffnung. Nach dem brutal-kraftvollen „Clowns“ zur Beginn ist „The Fix“ sicherlich ein interessanter Gegenpol an diesem Doppelabend, für meinen Geschmack jedoch zu weichgespült. „The Fix“ ist wohl eine sehr persönliche Arbeit von Shechter und seiner Company, dennoch hat es mich nicht wirklich berührt, der emotionale Umarmungs-Schlussmoment im Auditorium absolut nicht mein Ding, fast schon ein Ablöscher – der überwiegenden Menschenmenge im Saal jedoch hat es sichtlich sehr gut getan, dieses Gefühl der körperlichen Nähe zu spüren. Der Umgang mit der Pandemie ist eben doch etwas sehr individuelles und kein kollektives Gefühl. Aber eine tief gehende Erfahrung. Anyway – Hofesh Shechters Arbeiten sind jederzeit einen Vorstellungsbesuch wert!

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

PLAY/Alexander Ekman/Ballet d’opéra de Paris – Palais Garnier 10.10.2021

Marina Otero: FUCK ME – Zürcher Theater Spektakel 28.08.2021

Walking Mad – Ballett Zürich 22.05.2021 (Clug/Inger)

Impulse – Juniorballett Zürich Premiere (livestream) 27.02.2021 (Davidson/Arias/Nunes)

Gala d’ouverture/Ballet – Opéra national de paris (livestream) 30.01.2021

Sadler’s Wells Global Gala – (Stream) 05.12.2020

Basso Continuum/7 Danses Greques – Béjart-Ballett – Opéra de Lausanne 11.10.2020

Forsythe – Ballett Zürich 07.02.2020

Ein Kommentar

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