Dornröschen – Ballett Zürich 06.06.2022

Christian Spucks „Dornröschen“-Version hatte während der Pandemie im Herbst 2020 unter Extrembedingungen Premiere und ist nun nochmals in einer Aufführungsserie zu sehen – der Besuch lohnt sich unbedingt…

Noch immer ist man hingerissen von Edward Clugs „Peer Gynt“ und nun erneut ein Highlight des Ballett-Repertoires im Opernhaus Zürich mit CHRISTIAN SPUCKs Version von Tschaikovskys Märchenballett „Dornröschen“ nach Charles Perraults „La Belle au bois dormant“. Dem Pathos von Tschaikovskys Musik kann man sich einfach nicht entziehen, vor allem, wenn die PHILHARMONIA ZÜRICH unter ROBERTAS ŠERVENIKAS hinreissend musiziert. Die Soli von XIAOMING WANG (Violine) und LEV SIVKOV (Violoncello) sind berückend schön und zeigen einen komplett anderen Tschaikovsky, als man ihn beispielsweise von den unglaublichen Apotheosen im „Nussknacker“ kennt. Und einmal mehr erzählt Spuck einen Ballettklassiker mit neuen Sichtweisen, behält und zitiert aber dennoch viele Grundelemente Petipas – choreographisch gesehen eine eher klassisch angehauchte Produktion. Das offenbar kinderlose Königspaar stiehlt sich ein Kind, welches eigentlich unter der Obhut der Fee Carabosse stehen sollte – kein Wunder, verflucht diese dann Prinzessin Aurora, um es später jedoch zu bereuen. Das Stück beginnt damit, dass jede Fee sich einen der Kinderwagen auf der Bühne schnappt und dem ihm anvertrauten Kind sehr spezielle Lullabys singt, das zeigt bereits, dass Spuck einmal mehr auch mit viel Witz und Humor an die Sache herangeht. Neben der grossen Charakterrolle der bösen Fee Carabosse, die in der Aufführungstradition schon immer von einem Mann getanzt wurde, sind auch alle weiteren Feen mit Männern besetzt, das ist reizvoll. Spuck spielt mit Geschlechterklischees, kreiert starke und sehr präsente Einzelcharaktere, von albern bis übertrieben tuntig, ohne zu parodieren. Er nimmt jede der einzelnen Figuren sehr ernst. Das ist eine gelungene Gratwanderung in toller Besetzung: MATTHEW BATES als Silberfee, COHEN AITCHISON-DUGAS als Goldfee, DOMINIK SLAVKOVSKY als blaue Fee, WEI CHEN als grüne Fee, MARK GEILINGS als rote Fee und – wie immer entzückend – als handtaschenschwingende Fliederfee JAN CASIER. Sie alle schwirren und wuseln und klettern und kleben insektenhaft mit ihren Flügeln mal hier, mal da, sind omnipräsent und tragen einen Großteil zum märchenhaften Flair bei. Prinzessin Aurora (bezaubernd und wandlungsfähig: MICHELLE WILLEMS) dagegen entwickelt sich nicht zur Märchenschönheit, sondern verlässt zuletzt als starke junge Person gemeinsam mit ihrem Prinzen (ESTEBAN BERLANGA – graziös, weich und etwas weichgespült ist seine Rolle angelegt, tänzerisch und technisch wie immer grossartig) den Märchenkitsch und startet wohl ein eigenes und selbstbestimmtes Leben, fernab ihrer eher märchenhaft-konservativen und ein wenig gluckenhaften Eltern (INNA BILASH als Königin, LUCAS VALENTE als König). Dies wird ihr ermöglicht durch die Fee, von der sie einst verflucht wurde – WILLIAM MOORE als Carabosse (und wenn man genau hinschaut, so schleicht sich das Schwarz der dunklen Fee auch in das Schlusskleid Auroras). In seiner letzten grossen Rolle zum selbstgewählten Karriere-Ende brilliert Moore in dieser Charakterrolle. Unter dem Fluch leidet am meisten er selbst und so versucht er alles auf seine Art und Weise wieder gut zu machen. Das ist so glaubhaft und eindringlich getanzt, man ist als Zuschauer hingerissen von seiner Verzweiflung über diesen wohl voreiligen Fluch vor langer Zeit. Toll das Pas de deux von ihm und Prinz Desiré/Berlanga, weiteres Highlight sicherlich das innige Vater/Tochter-Pas de deux von Valente und Willems, die Szenen der Gouvernante (RAFAELLE QUEIROZ) und dem Zeremonienmeister (MATTHEW KNIGHT, zuletzt sehr prägnant als Tod in „Peer Gynt“) bleiben ebenfalls stark in Erinnerung – das ganze Ensemble ist in Hochform. Der Blumenwalzer wird nicht in Tellertutus getanzt, sondern in schönen und dezent klassisch anmutenden Kostümen, während man bei den Kostümen der Schmetterlinge im ersten Akt eher stöhnt (vor allem die Männer mit hautfarbenen Oberteilen samt aufgenähten Schmetterlingen sind furchtbar). Ist man von den Spuck-Balletten bisher die wundervollen Kostüme von Emma Ryott gewohnt, kann BUKI SHIFFs Kostümbild diesmal nicht mithalten und es gibt tatsächlich einige weitere Geschmacksverirrungen wie etwa die gepunkteten Fifties-Petticoat-Kleider, die doch sehr an „Hairspray“ erinnern, zu den übertriebenen Perücken allerdings passen. Überhaupt gibt es viele Bärte, Schnauzer, Gesichtsbehaarungen, wie etwa bei den drei Ladies of Time, die über allem wachen und bei Bedarf auch eingreifen und das Schicksal (z.B. in Form einer Spindel) in die Hand nehmen. Es gibt erstaunlich viele humorvolle Momente in diesem Ballett (das Dämonische bleibt nur angedeutet) und wenn sich nach der Pause erstmals das nun dornenüberankte Schloss sich Graffiti-besprüht in neuem Gewand um die eigene Achse dreht (Bühne: RUFUS DIDWISZUS), so erheitert das den ganzen Zuschauerraum, sieht man doch auf ein Dornröschen-Portrait im Disney-Stil (eigentlich eher Schneewittchen…) samt der gesprühten Aufforderung „wake me up when I am famous“. Märchen gibt es also auch im hier und jetzt und ist kein Relikt aus alten Zeiten. Aktuell in Bestform und in den unterschiedlichsten Produktionen zu erleben: Zürich Ballett und Juniorballett – am Samstag, 11. Juni sogar mit Liveübertragung der nächsten „Dornröschen“-Vorstellung im Rahmen von „Ballett für Alle“ auf den grossen Sechseläuten-Platz vor dem Opernhaus Zürich mit – wenn das Wetter passt – mehr als 10000 Zuschauern.

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:

Peer Gynt/Edward Clug – Ballett Zürich 26.05.2022

Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel – Badisches Staatstheater Karlsruhe 30.04.2022

Angels‘ Atlas – Ballett Zürich 08.04.2022

Hofesh Shechter: Uprising/In your Rooms – Ballet de l’opéra national de Paris 27.03.2022

Monteverdi – Ballett Zürich 04.02.2022

COW/Alexander Ekman – Theater Basel 21.11.2021

Double Murder/Hofesh Shechter Company – Théâtre du Châtelet Paris 13.10.2021

PLAY/Alexander Ekman/Ballet d’opéra de Paris – Palais Garnier 10.10.2021

Marina Otero: FUCK ME – Zürcher Theater Spektakel 28.08.2021

Ein Kommentar

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