Intermezzo – Theater Basel 21.05.2021

Endlich wieder Oper! Endlich wieder eine Live-Vorstellung in einem Theater besuchen! Wie haben wir das vermisst! Dementsprechend emotional ist dann auch der erste Besuch nach langer Zeit – das war allen 50 Besucher*innen anzumerken. Kurz vor dem Start noch eine charmante Ansage des Produktionsdramaturgen und der Hinweis, dass alle Beteiligten vor der Vorstellung getestet wurden – ein Wording, was uns wohl noch einige Zeit verfolgen wird. Dann gehts los mit einem hinreissenden Strauss-Abend, sowohl auf der Bühne, als auch aus dem Graben – Momente lange vermissten Opernglücks…

„Intermezzo“ ist die 8. Oper Richard Strauss‘ und findet sich unverständlicherweise nur äusserst selten in den Spielplänen wieder – das ist bedauerlich, denn das Libretto ist köstlich, amüsant, temporeich, bissig und so weit man weiss, auch stark autobiographisch gefärbt. Diese Szenen einer Ehe bieten viele Möglichkeiten für temporeichen Slapstick – also ideal für einen Regisseur wie HERBERT FRITSCH. Zusammen mit seiner Kostümbildnerin VICTORIA BEHR – die einmal mehr das ganze Ensemble wundervoll typgerecht und mit viel Gespür für feine Nuancen ausgestattet hat – schafft er eine Ausstattung, die ein Hingucker ist. Auf hochglänzend grünem Lackboden und einem pinkfarbenen Flügel als einzigem Möbelstück spielen sich nun also die unterschiedlichsten Ehedramen von Hofkapellmeister Robert Storch und seiner Gemahlin Christine ab – alles beschirmt und behütet (und vielleicht sogar beobachtet?) unter einem überdimensionalen Lampenschirm. Fritschs grosses Glück in dieser Inszenierung ist das wirklich spielfreudige und musikalisch optimal besetzte Ensemble – allen voran die Entdeckung des Abends: FLURINA STUCKI (Christine), die stimmlich und optisch omnipräsent fast durchgehend die Bühne und die Männerwelt dominiert und diese Strahlkraft bis zum Finale auch behält. GÜNTER PAPENDELL ist eine etwas vergeistigte Künstlerpersönlichkeit mit gepflegtem Bariton, dem schon bewusst ist, was er an seiner Frau hat, auch wenn er es nicht zeigen kann. MICHAEL LAURENZ gibt den intrigierenden Baron Lummer, KALI HARDWICK als Kammerjungfer Anna ist unsterblich in ihren Chef verliebt und somit auch einer der Aufreger für die Chefin, HUBERT WILD ist ein herrlich verwirrter Justizrat/Notar und Slapstick par excellence gibt es von RAPHAEL CLAMER als Diener. Besonders erwähnen muss man unbedingt MORITZ EMIL REHLEN als „Bubi“, der kleine Sohn der Storchs – Kinder auf der Bühne sind mir in der Regel ein Gräuel, im deutschsprachigen Raum nur sehr schwer zu besetzen und meistens peinlich und grenzwertig, selten jedoch hat man so ein begabtes Kind gesehen -Chapeau! Der Klang aus dem Graben ist fein differenziert, was wohl an der etwas verkleinerten Besetzung liegt, dennoch blüht es in den buntesten Facetten, die eine Strauss-Partitur zu bieten hat. CLEMENS HEIL am Pult zelebriert das übermässig Nervöse dieses Werkes, lässt aber auch – wo nötig – etwas Ruhe und Walzerschmelz zu. Nach dem dramatischen Ende des ersten Aktes (Christine vermutet, dass ihr Mann sie mit „Mieze Meier“ betrügt und teilt ihm per Telegramm mit, dass sie für „immer geschieden“ sind) geht es höchst amüsant weiter mit den Anklängen von Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“. Letztendlich klärt sich alles auf, diese „vorbildliche“ Ehe bleibt bestehen. Und so endet das Stück, wie es begonnen hat, mit etwas Melancholie (die man in diesem Stück so gar nicht vermutet) und Gershwins „Rhapsody in Blue“ mit dem Hofkapellmeister Robert Storch am Flügel und seiner Frau, die bereits wieder in ihre alte Zickigkeit zu verfallen scheint… – Herrlich!

Letzte Opernerlebnisse:

„Les Contes d’Hoffmann“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 11.04.2021

„Der Rosenkavalier“ – Bayerische Staatsoper München – Online-Premiere 21.03.2021

„Orphée et Euridice“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 14.02.2021

„Il crepuscolo dei sogni (UA)“ – Teatro Massimo Palermo (livestream) 26.01.2021

„Un ballo in maschera“ – Oper Zürich (stream) 17.01.2021

„Simon Boccanegra“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 06.12.2020

„Boris Godunow“ – Oper Zürich (stream) November 2020

„7 Deaths of Maria Callas“ – Bayerische Staatsoper München (livestream) 05.09.2020

„Operettengala Camilla Nylund & Piotr Beczala“ – Oper Zürich 12.07.2020

„Iphigénie en Tauride“ – Oper Zürich 16.02.2020

„Wozzeck“ – Oper Zürich 09.02.2020

„Salome“ – Luzerner Theater 17.01.2020

„Martha oder der Markt zu Richmond“ – Oper Frankfurt 31.12.2019

10 Kommentare

  1. kulturbowle

    Ich freue mich sehr für Dich und auch für alle Bühnen, die gerade wieder öffnen dürfen. Ich verstehe sehr gut, wie sehr man sich wieder über kulturelle Live-Erlebnisse freut, wenn diese wieder (wenn auch nur in kleinem Rahmen) möglich sind. In meiner Heimatstadt sind wir leider noch nicht so weit, aber vielleicht können und dürfen wir noch auf ein paar schöne Freiluftveranstaltungen im Sommer hoffen – wenn er denn irgendwann noch kommt dieser Sommer. 😉 Herzliche Grüße!

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    1. arcimboldis_world

      Ach, ich habe es so sehr genossen! Obwohl es wirklich seltsam war in diesen grossen Häusern mit nur 49 anderen Zuschauern, das hatte vom Gefühl her was von Endproben oder der GP, aber endlich wieder Live-Musik, für mich war das sehr emotional und toll! Wir sind nun hoffentlich auf einem guten Weg und können bald alle wieder unseren Leidenschaften fröhnen. Und evtl. einige schöne Outdoor-Veranstaltungen, bevor dann im Herbst die neue Saison startet, täglich trudeln von den Häusern die Spielpläne der neuen Saison ein, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.. – so viel Nachholbedarf! Liebe Grüsse zurück!

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