L’incoronazione di Poppea – Oper Zürich (WA) 14.09.2021

Nach der gelungenen Spielzeiteröffnung mit „Salome“ hat man als Opernfan in Zürich nach dieser langen pandemiebedingten Abstinenz Blut geleckt, will sofort mehr davon und bekommt das auch mit der Wiederaufnahme der sehr schönen Produktion von Monteverdis letzter Oper „L’incoronazione di Poppea“…

Die Premiere dieser Produktion von „L’incoronazione di Poppea“ am Opernhaus Zürich liegt bereits ein paar Jahre zurück (Juni 2018) und ist mir immer noch sehr präsent. Gross ist die Freude, kann man nun endlich in fast gleicher Besetzung dieses grandiose Stück Operngeschichte nochmals erleben. Gewalt, Intrigen, Sex – alles Themen, die der Regisseur CALIXTO BIEITO schon mehrfach und immer äusserst überzeugend auf die Bühne gebracht hat, unter anderem hier in Zürich mit Zimmermanns „Die Soldaten“ oder Prokofiews „Der feurige Engel“. Bieito zeigt immer, was es zu zeigen gibt und scheut sich nicht davor, äusserste Brutalität, Vergewaltigung, Blut und Mord unverblümt und drastisch auf der Bühne zu zeigen – in Poppeas Machtpoker um die Gunst von Nero wird jede Handlung, jede Figur dokumentiert und sofort live und für alle Zuschauer sichtbar ins Netz gestellt. Wir leben im Zeitalter von social media und permanenter Selbstdarstellung. Das Leben ist ein einziger grosser Laufsteg (und das auch noch in Form eines überdimensionalen „selfie rings“). Es gibt nichts Privates mehr und so macht diese äusserst ästhetische Ausstattung von REBECCA RINGST Sinn, denn neben der permanenten Liveübertragung auf die grosse Operafolie der Hinterbühne, läuft sämtliches Geschehen auf vielen Videowalls verteilt über alle Etagen der Proszeniumslogen, das Publikum sitzt wie bei einem römischen Tribunal nicht nur im Auditorium, sondern auch auf der Bühne und ist als Voyeur anwesend. Die vielen Live-Close-Ups und eingeblendeten Videosequenzen von SARAH DERENDINGER schaffen eine intensive und manchmal fast schon unerträgliche Nähe zu den einzelnen Protagonisten. Man ist abgestossen und fasziniert zugleich vom Handlungsverlauf. Ein Glücksfall erneut die Besetzung dieser Wiederaufnahme: Allen voran die unglaubliche JULIE FUCHS als Poppea, während der ersten Aufführungsserie 2018 war sie hochschwanger – wie gut passte das in diese Inszenierung! Julie Fuchs brilliert wie immer musikalisch und durch ihre aussergewöhnliche Präsenz. Zusammen mit dem Countertenor DAVID HANSEN als Nerone, (der mir in der Premierenvorstellung etwas besser gefallen hat, mir seine Stimme jetzt in der Wiederaufnahme etwas angestrengt und schrill erschien) und ihrer Gegenspielerin Ottavia (EMILY D’ANGELO) erlebt man intensive Begegnungen, Ottavias „A Dio Roma“ im 3. Akt wundervoll: in sich ruhend, schmerzerfüllt, bewegend, stolz (und ganz im 80er Jahre-Look) nimmt sie die Verbannung an. DEANNA BREIWICK (blonde Sexgöttin und Marilyn Monroe-Verschnitt) als Drusilla ist ebenso überzeugend, wie der androgyn angelegte Ottone von DELPHINE GALOU oder der intellektuelle und wohltönende Seneca von MIKLÓS SEBESTYÉN. Schöne wohlklingende Stimmen auch von EMILIANO GONZALEZ TORO als Arnalta und THOMAS ERLANK in mehreren Rollen. Bieito hat jeder – noch so kleinen Figur – ein interessantes Profil gegeben, das dezente Kostümbild von INGO KRÜGLER verstärkt die Charaktere. Am Pult (im Zentrum des Catwalks, im Auge des Sturms) musiziert OTTAVIO DANTONE – ein ausgewiesener Spezialist für italienische Barockmusik – zusammen mit dem Barockorchester LA SCINTILLA einen spritzig-lebendigen Monteverdi-Abend. Während an der Premiere die Musik Monteverdis mich eher eingelullt hat und zur Untermalung diente, hat sie mich diesmal derartig gepackt, dass ich selbst überrascht war – immer wieder spannend, wie sich die Wahrnehmung bestimmter Werke im Laufe der Zeit und mit unterschiedlichen Interpretationen verändert. Und wie frisch und modern Monteverdi heute noch klingt! Das Dreigestirn des Prologs, die allegorischen Figuren von SANDRA HAMAOUI (Fortuna), HAMIDA KRISTOFFERSEN (La Virtù) und JAKE ARDITTI (Amore) sind omnipräsent und wachen die ganzen 3 Stunden und 10 Minuten auf der Bühne über den Handlungsverlauf, bis die Geschichte erzählt ist und beim grossen Schluss-Defilee alle auf der Strecke gebliebenen, ausgeschalteten, ermordeten, verbannten, verstossenen Personen den Catwalk des Lebens wieder bevölkern. Poppea hat (dank Amor und Fortuna) ihr Ziel erreicht: ebenbürtig neben Nero schreitet sie – ein wunderbar stiller Moment – die Showtreppe hinab und dem Schlussapplaus entgegen – grosse Begeisterung im Saal! Eine „Calixto Bieito-Woche“ hat für mich begonnen, in ein paar Tagen geht es gleich weiter mit seiner Neuproduktion von Prokofievs „Guerre et Prix“ am Grand Theatre de Geneve. Looking forward…

Zuletzt besuchte Vorstellungen:

„Salome“ – Oper Zürich Premiere (livestream) 12.09.2021

„La Bohème“ – Teatro Comunale di Bologna 05.08.2021

„La vedova allegra“ – Teatro Lirico Giuseppe Verdi Trieste 25.07.2021

Die Geschichte vom Soldaten“ – Oper Zürich 11.06.2021

„Das schlaue Füchslein“ – Luzerner Theater 30.05.2021

„Intermezzo“ – Theater Basel 21.05.2021

„Les Contes d’Hoffmann“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 11.04.2021

„Der Rosenkavalier“ – Bayerische Staatsoper München – Online-Premiere 21.03.2021

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