Salome – Oper Zürich Premiere 12.09.2021

Was für ein grossartiger Auftakt! Die Oper Zürich eröffnet die neue Saison 2021/22 mit einer grossartigen „Salome“-Premiere, im Saal volle Platzkapazität (3 G und Maskenpflicht), vor dem Opernhaus das alljährliche Eröffnungsspektakel „Oper für Alle“ mit Übertragung auf die Grossleinwand (muss man mögen) oder zu Hause vor dem Fernsehgerät als Livestream, eher gemütlich mit einem Drink in der Hand… – das Opernleben ist zurück!

Die PHILHARMONIA ZÜRICH spielt wieder im Graben und nicht per Liveübertragung aus einem anderen Stadtteil, diese Energie ist – auch im Livestream zu Hause vor dem Bildschirm – sofort spürbar. Relativ schnell wird klar, dass dies ein grosses Fest der Sänger:innen ist, aus dem Graben herrlichster Strauss erklingt und man zeitnah unbedingt in eine Live-Vorstellung gehen muss. Denn SIMONE YOUNG am Pult beweist einmal mehr, dass Sie über einen grossen Erfahrungsschatz beim Strauss’schen Œuvre verfügt und trotz allem Bombast in dieser (immer wieder grossartigen) Musik unzählige wundervolle sanfte Momente zaubern kann – allein schon die Violinenseufzer bei Salomes Schlussgesang in dieser klaren Deutlichkeit zu vernehmen – das war wundervoll und Strauss vom Feinsten. Dynamisch reizt Young den Orchesterklang stellenweise bis an die Grenzen aus und stellt eher die schrägen und dissonanten Ecken und Kanten dieser Partitur in den Vordergrund. Der Sogwirkung von ANDREAS HOMOKIs Inszenierung konnte man sich ebenfalls nicht entziehen. Im symbolhaft aufgeladenen Bühnenbild (der Mond!…) von HARTMUT MEYER entstehen grosse Momente, etwa wenn Jochanaan nach der heftigen Flirt-Attacke Salomes die Königstochter verflucht, sie währenddessen aber hemmungslos und ungefragt penetriert, vergewaltigt, sie sich nimmt. Ein starkes Bild. Kein Wunder fordert sie dann seinen Kopf, aus dem Begehren wird ein Racheakt. Und selten genug: ein Schleiertanz, der es in sich hat. In vielen Inszenierungen ein grosser Akt der Peinlichkeit (je nach Regie und Besetzung) – hier jedoch hocherotisch und auf den Punkt gebracht – lasziv legt Salome ein Kleidungsstück bzw. eine Lage ihres Petticoats nach der anderen ab und verdreht dem lüsternen Herodes den Kopf, während die Juden als Voyeure geifernd zusehen und Herodias jubiliert. Zuletzt zieht Salome noch ihr pinkfarbenes Höschen aus, an dem Herodes sogleich lüstern zu schnüffeln beginnt – glaubhafte Lust und Lüsternheit auf allen Ebenen.

Neben dem sensationellen Hausdebüt von ELENA STIKHINA als Salome – brava!!!! – sind sämtliche Rollen bis zur kleinsten Charge hervorragend besetzt, allen voran MICHAELA SCHUSTERs Herodias, leicht überzogen, fast schon eine Karikatur, deren herrliche Mimik, natürlich durch die Close-Ups der Live-Übertragung besonders deutlich zu sehen sind – ebenso der lüsterne Herodes von WOLFGANG ABLINGER-SPERRHACKE in seinem Pfauenfedern-Pyjama und rotblonder Pagenkopf-Frisur (Kostüme: MECHTHILD SEIPEL)! Ablinger-Sperrhacke verzichtet auf jegliche Hysterie und die oftmals nervige Überspanntheit dieser Figur, stattdessen von Anbeginn spürbar sein inzestiöses Begehren. MAURO PETER ist ein bezaubernder Narraboth, SIENA LICHT MILLER ein äusserst überzeugender Page, auch die mehrfach besetzten Juden klingen äusserst präzise und durch die Doppelung voluminös und erfrischend – das sonst manchmal etwas langweilige Quintett wird hier zum Highlight. Der sehr gepflegt tönende voluminöse Bassbariton des Jochanaan von KOSTAS SMORIGINAS überzeugt nicht nur stimmlich, er ist auch ein äusserst attraktiver Prophet, es wundert nicht, will man ihn küssen und man kann Salomes Lust bei ihrem fast schon schmachtenden „In Dein Haar bin ich verliebt, Joachanaan…“ absolut nachvollziehen. Sowohl er, als auch die Juden kommen in schicken und gut geschnittenen dunkelgrünen Anzügen daher und begründen wohl die nächste Generation. Ein neues Zeitalter bricht an, die Zeiten von Dekadenz sind vorbei, dies wird am deutlichsten, als Salome nach ihrem leidenschaftlichen Kuss (mit dem lebendigen Jochanaan), kurz darauf mit dessen Kopf in der Hand die Treppen (zum Mond?) emporsteigt und die Szenerie verlässt, Herodias und Herodes bleiben zurück, bedrängt von den Juden. Jubelnder Applaus, wohlverdient für diese wunderbar emotional aufgeladene „Salome“ zur Eröffnung der Spielzeit 2021/22. Man kann es fast nicht erwarten, zeitnah live in der Vorstellung zu sitzen.

Zuletzt besuchte Vorstellungen:

„La Bohème“ – Teatro Comunale di Bologna 05.08.2021

„La vedova allegra“ – Teatro Lirico Giuseppe Verdi Trieste 25.07.2021

Die Geschichte vom Soldaten“ – Oper Zürich 11.06.2021

„Das schlaue Füchslein“ – Luzerner Theater 30.05.2021

„Intermezzo“ – Theater Basel 21.05.2021

„Les Contes d’Hoffmann“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 11.04.2021

„Der Rosenkavalier“ – Bayerische Staatsoper München – Online-Premiere 21.03.2021

„Orphée et Euridice“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 14.02.2021

2 Kommentare

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