Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper München – Online-Premiere 21.03.2021

Nach fast 50 Jahren hat München nun (endlich) einen neuen „Rosenkavalier“ – und was für einen! Hervorragend besetzt, musikalisch spannend, temporeich und witzig inszeniert – grossartig!

Im Pausengespräch sagt Regisseur BARRIE KOSKY, es gibt für ihn keine richtige oder falsche Inszenierung, es gibt immer wieder neue Sichtweisen und damit hat er absolut recht. Natürlich war die alte Inszenierung von Otto Schenk von 1972 ein „Klassiker“ und mehrere Sängergenerationen standen in dieser altehrwürdigen Ausstattung von Jürgen Rose (Ich selbst erinnere mich noch gut an eine Vorstellung 1993 mit Tomowa-Sintow/von Otter/Kilduff/Rootering) – aber endlich hatte jemand den Mut zur Entsorgung und mit dieser flotten Neuproduktion hat München nun einen würdigen Nachfolger. Die Ausstattung von RUFUS DIDWISZUS ist ohne unnötigen Schnickschnack, die Kostüme von VICTORIA BEHR sind grossartig und für ihre Verhältnisse fast schon dezent. Die Inszenierung von Kosky wartet mit viel Witz und tollen Ideen auf, bietet einiges an herrlichem Kitsch, ohne jemals geschmäcklerisch zu werden – grossartig der Louis XIV-Auftritt des Sängers beim Lever im ersten Aufzug (mit wundervollem Tenor: GALEANO SALAS) oder die Schlüsselszene zur Rosenüberreichung am Anfang des zweiten Aufzuges: ein wahrlich königlicher Auftritt von Octavian in der silbernen Kutsche (aus dem Fundus von Ludwig II), es entsteigt nicht nur Sophies Traumprinz, sondern eine ganze Mannschaft an Lakaien und später sogar noch der Baron Ochs auf Lerchenau (wunderbar spielfreudig, temporeich, ohne grobschlächtigen Wiener Schmäh: CHRISTOF FISCHESSER im gelben James-Last-Bandleader-Sakko). Der Clou dann im dritten Aufzug: Das Hinterzimmer als eine Boulevard-Komödie – Schmierentheater auf dem Theater, das ist perfekt. Die kleinen Rollen sind bis ins Detail facettenreich gearbeitet und leicht karikiert, witzig und musikalisch auf dem Punkt: DANIELA KÖHLER als Leitzmetzerin, URSULA HESSE VON DEN STEINEN als Annina, WOLFANG ABLINGER-SPERRHACKE als Valzacchi, dazu die Faninal-Luxusbesetzung JOHANNES MARTIN KRÄNZLE. Das Damen-Trio ist grossartig – schon lange nicht mehr so eine tolle Marschallin gehört: MARLIS PETERSEN verzichtet auf jegliche sentimentalen Anwandlungen (nach Octavian kommt sicherlich sogleich der nächste Lover…), KATHARINA KONRADIs Sophie ist selbstbewusst und weiss, was sie will – der Octavian von SAMANTHA HANKEY kommt leicht androgyn und sehr sexy daher, sowohl in silberner Livre, als auch im schwarzen Zofen-Outfit mit neckischem Bob-Haarschnitt. Die Spielfreude aller und die teils witzigen Ideen des Regisseurs machen selbst vor dem TV im Streaming viel Freude und haben grosse Sogwirkung. Das muss man unbedingt baldmöglichst live erleben. Spannend die coronabedingte kleingeschrumpfte Orchesterbesetzung auf 40 Mann im Graben. Die von Eberhard Kloke eingerichtete Fassung passt wunderbar zu dieser flotten Produktion, die sonst so opulenten Walzerklänge und das Strauss’sche Getöse vermisst man nicht, fasst scheint und klingt es, als gehöre die stark reduzierte Fassung zum Regiekonzept. Der designierte neue Münchner GMD VLADIMIR JUROWSKI steht am Pult und musiziert mit seiner Minimalbesetzung mit sehr flotten Tempi durch alle drei Aufzüge. Natürlich ist es von Barrie Kosky etwas plakativ, das Thema Zeit so in den Vordergrund zu rücken, aber es ist konsequent und stimmig und berückend schön, wenn zum Schluss Sophie und Octavian in den Himmel der Liebe entschweben und der uralte Cupido (der uns schon durchs ganze Stück begleitet hat) auf einer Standuhr sitzend den Stunden-Zeiger abbricht, bevor die Bühne komplett eindunkelt – bei dieser immer wieder grossartigen Schluss-Musik bleibt die Zeit stehen. Man wünscht sich, dass dieser Moment nie enden möge. Dieser neue „Rosenkavalier“ ist für das Strauss-erprobte Münchner Haus eine Punktlandung. Bravi a tutti!!!

Letzte Opernerlebnisse:

„Orphée et Euridice“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 14.02.2021

„Il crepuscolo dei sogni (UA)“ – Teatro Massimo Palermo (livestream) 26.01.2021

„Un ballo in maschera“ – Oper Zürich (stream) 17.01.2021

„Simon Boccanegra“ – Premiere (livestream) Oper Zürich 06.12.2020

„Boris Godunow“ – Oper Zürich (stream) November 2020

„7 Deaths of Maria Callas“ – Bayerische Staatsoper München (livestream) 05.09.2020

„Operettengala Camilla Nylund & Piotr Beczala“ – Oper Zürich 12.07.2020

„Iphigénie en Tauride“ – Oper Zürich 16.02.2020

„Wozzeck“ – Oper Zürich 09.02.2020

„Salome“ – Luzerner Theater 17.01.2020

„Martha oder der Markt zu Richmond“ – Oper Frankfurt 31.12.2019

4 Kommentare

  1. FEL!X

    Danke für diesen Tipp!
    Eine Neuinszenierung nach 50! Jahren von Kleiber/Schenk
    an der Bayerischen Staatsoper war ja nun wirklich an der Zeit.
    Neu waren die Elemente der Inszenierung nur zum Teil:
    der greise Cupido (in der Besetzungsliste NICHT erwähnt?!) kam so zwischen «spassig» und eben als «das unaufhaltsame Alter vergegenwärtigend» bei mir an, die überkandidelte Silberkutsche fand ich einigermassen daneben (OK: Originaltext «Ganz in Silberstück angelegt…»).
    Dass sich die heimlich Liebenden auf dem Bühnenboden lieben, ist nicht neu. Das gab es so auch schon bei den Salzburger Festspielen 2014, dessen Inszenierung sich ja auch nicht silberner Rokkoko-Perücken bediente.

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    1. arcimboldis_world

      Lieber Felix! Naja, man kann das Rad nicht neu erfinden und es ist immer alles Geschmacksache, wäre ja blöd, wenn alle den gleichen Geschmack hätten, also das wäre langweilig. Ich habe so viele Inszenierungen von Barrie Kosky in den letzten Jahren gesehen, ich mag seine Arbeiten sehr, für mich ein ganz grosser Regisseur neben Calixto Bieito. Und mit dem Rosenkavalier verbindet mich eben auch sehr viel, das war in sehr jungen Jahren die erste Oper, bei der ich als Statist dabei war, am Staatstheater Nürnberg, Regie: Heinz Lukas Kindermann, mit dem ich später dann am Staatstheater Kassel als Regieassistent und Abendspielleiter eine Produktion gemacht habe (Valentinos Traum von Argento….) – lange her. Und ich habe (vor allem in München) so viele tolle Besetzungen gesehen in dem alten Otto Schenk – Schinken…… – diese Neuinszenierung fand ich nun wirklich längst überfällig und absolut gelungen, kein einfaches Stück…. herzlichst aus Zürich! A.

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